Gleitschirmkurs Wasserkuppe 2022

Gleitschirm Grundkurs an der Wasserkuppe 2022-
4 Tage Blut, Schweiß und (Freuden-)Tränen

 

In meiner Urlaubswoche in der ersten Junihälfte habe ich mir ein straffes Programm zurechtgelegt. Ich werde mich zunächst 4 Tage lang an der Wasserkuppe einer völlig neuen Sportart widmen, dem Gleitschirmfliegen. Danach steht ein Ortswechsel in das französische Burgund an. Ich konnte mich der Faszination des Fliegens noch nie entziehen. Pilot war sogar mal ein Berufswunsch von mir, den ich allerdings wegen einer bestehenden Rot-Grünschwäche nach den vorgegebenen Tauglichkeitskriterien für diesen Beruf bei Seite legen musste.

Der Berg der Flieger- Die Wasserkuppe 917m
Der Berg der Flieger- Die Wasserkuppe 917m

Auch wenn ich sehr wohl in der Lage bin Rot und Grün zu unterscheiden wird es für mich schon schwierig rote Kirschen in einem grünen Kirschbaum aus der Distanz zu erkennen. Diese Schwierigkeit hat aber nicht erst meine Frau auf unseren Wanderungen entdeckt, sondern schon viel früher Augenärzte mit bescheuerten Wirrwarr- Bildern auf denen ich irgendetwas erkennen sollte- „Ja klar- Bunte Farbkreise“- war dann die Antwort, bei der mir jedes Mal mit gerunzelter Stirn oder mit dem „Über die Brille-Blick“ der Eindruck vermittelt wurde an einer besonders schweren Form des Schwachsinns zu leiden. Aktives Nachfragen führte erst viel später zum Äußersten, der Arzt sprach und öffnete mir so die Augen- das Handicap aber blieb bei ansonsten guter Gesundheit, schloss aber eine große Fliegerkarriere aus. Erleichtert nehme ich zur Kenntnis, dass die Einschränkung kein Hindernis beim Gleitschirmfliegen darstellt.

Nach meiner Flugstunde 1996 in Florida
Nach meiner Flugstunde 1996 in Florida

In Florida habe ich vor 26 Jahren mal die Gelegenheit einer Flugstunde auf dem Airfield von Williston in Florida wahrgenommen und das erhebende Gefühl am Flugzeugruder einer Piper Cherokee bei einem Flug bis an den Golf von Mexiko erlebt. Mein Freund Frank hat sich vor vielen Jahren schon mal bei einem Kurs mit der Thematik des Gleitschirmfliegens beschäftigt und mich nicht zuletzt durch seine aktuellen Erfolge bis hin zu Thermik-Flügen in den Alpen mit seiner Begeisterung angesteckt. Die Anmeldung für den Grundkurs in einer renommierten Flugschule auf der Wasserkuppe steht. Ich bin sehr gespannt was auf mich in den 4 Tagen von Samstag bis Dienstag zukommt.

Hessisches Rothenburg- Schlitz
Hessisches Rothenburg- Schlitz

Wir reisen nach einem Nachtdienst am Freitagnachmittag des 2. Juni-Wochenendes mit Dorothees Schwester Stefanie in den Osten des mittelhessischen Vogelsbergkreises nach Schlitz, wo wir im Hotel Vorderburg Zimmer für eine Zwischenübernachtung reserviert haben. Schon bei der Anfahrt erleben wir die besondere Kulisse der mittelalterlichen Stadt mit 5 Burgbereichen und viel historischem Fachwerk, so dass die Bezeichnung „Hessisches Rothenburg“ keiner weiteren Erläuterung bedarf. Die Weihe der heute evangelischen Stadtkirche St. Margarete geht auf das Jahr 812 zurück. Als ältestes Gebäude der Stadt beurkundet die Kirche somit die Stadtgründung vor über 1200 Jahren. Viele Gebäude aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind erhalten geblieben.

Fachwerk in Schlitz
Fachwerk in Schlitz

Den Abend verbringen wir im Biergarten der Burgschänke und stoßen dort auf unsere gemeinsame Urlaubswoche an. Auf dem Weg zurück kommen wir an einem Ladenlokal vorbei, in dem noch Licht brennt. Ich bin sofort begeistert von dem was ich hier sehe, denn im Innern befindet sich eine Carrera- Slotcar- Bahn auf der Modell-Boliden ihre Bahnen ziehen. Ferngesteuert trete ich ein und komme auch gleich ins Gespräch mit den erwachsenen Männern, die sich hier mit ihrem Verein gemeinsam einen Männer-Traum erfüllt haben. Ich schaue einen Moment zu und freue mich fremd ☺

Männerwelt- Schlitz
Männerwelt- Schlitz

Die Inhaberin unseres Hotels trägt den Titel Gräfin zu Solms-Laubach. In freundlicher Art werden wir beim Frühstück versorgt. Wir werden uns diese Adresse für einen weiteren Besuch vormerken, denn die Zeit die uns zur Verfügung steht wird einer umfassenden Erkundung der Stadt Schlitz nicht gerecht. Dorothee und Stefanie werden in den 4 Tagen meines Kurses die Rhön erkunden.

Burgenstadt Schlitz
Burgenstadt Schlitz

Gemeinsam haben wir im Feriendorf auf der Wasserkuppe ein Ferienhaus angemietet, das uns ausreichend Platz bietet. Mein Kurs beginnt pünktlich um 10:00h im Schulungsraum der Flugschule.

Flugschule auf der Wasserkuppe
Flugschule auf der Wasserkuppe

Um 9:30h treffe ich am Samstag an der Flugschule ein und überlasse Doro und Stefanie die Formalitäten zum Bezug unseres Ferienhauses. Der Raum füllt sich langsam mit den anderen Aspiranten, von denen Katja, Heike und Silke die weibliche Fraktion bilden. Mit den Herren Alex, Dominik, Patrick, Lukas, Sven, Pradeep und mir sind wir eine 10- köpfige Gruppe, die sich in die Luft erheben möchte.

Morgensonne am Radom - Wasserkuppe
Morgensonne am Radom – Wasserkuppe

Unser Fluglehrer Klaus Tillmann ist ein Mann, der das Fliegen im Blut hat. Der ruhige entspannte Typ stellt sich vor und wir erfahren, dass der ehemalige Phantom- und Tornado- Jetpilot im Anschluss bei der Flugbereitschaft des Bundesverteidigungsministeriums tätig war. „ Ich bin der ehemalige Pilot der German Air Force One“ teilt er uns schmunzelnd mit. Ja- auch unsere letzte Kanzlerin ist ihm als Fluggast wohlbekannt. Noch in der Ausbildung zum Fluglehrer ist Christoph, der Klaus zur Seite steht.

Christoph
Christoph

Bei der Vorstellungsrunde der Teilnehmer erfahre ich, dass ich der einzige bin, der nur den 4-tägigen Grundkurs ausgewählt hat. Alle anderen Teilnehmer haben den 1-wöchigen Kombikurs gebucht, der sowohl Höhenflüge und am Ende der Woche die Theorieprüfung zur Erlangung der A-Lizenz beinhaltet. Um jedoch die A-Lizenz komplett zu erlangen sind in einer weiteren Woche alpine Höhenflüge erforderlich, so dass man insgesamt von einer 14-tägigen Ausbildung ausgehen muss. Einige in der Gruppe haben mit Privatfluglizenzen im Motor- und Segelflug bereits fundierte Kenntnisse zu einigen Themen des Fliegens, andere haben schon mal einen Tandemflug am Gleitschirm gemacht. Ich bin beeindruckt.

Wetterbericht Wasserkuppe
Wetterbericht Wasserkuppe

Wir finden uns in der geräumigen Werkstatt ein, in der Christoph unser neues Sportgerät auslegt, das wir nun kennenlernen sollen. Ich bin erstaunt von der Größe des Schirms und den unzähligen bunten Leinen. Christoph demonstriert uns den Aufbau des Fluggerätes, bei dem der Schirm ein Hohlkammersystem bildet, das an der Vorderkante mit Luft gefüllt das Profil einer Tragfläche annimmt. Von den Leinenansatzpunkten konvergieren die Gallerieleinen abwärts zu den Stammleinen, die in 3 Ebenen mit dem Tragegurt verbunden sind. Die C-Ebene, deren Leinen an der Hinterkante des Schirms fixiert sind beinhaltet das elementare Instrument der Brems- oder Steuerschlaufe, die über die Steuerleine die Hinterkante des Schirms ansteuern kann.

Klaus gibt letzte Tips vor dem Start
Klaus gibt letzte Tips vor dem Start

Wir haben tagsüber rasch ansteigende Temperaturen am Berg der Flieger. Auch auf 917 Metern klettern die kühlen Morgentemperaturen auf annähernd 20 Grad. Es entwickelt sich zum einen Thermik, zum zweiten ordentliche Windböen, beides nichts für Anfänger. Klaus schwört uns daher auch auf lange Tage ein, denn früh morgens und kurz vor Sonnenuntergang werden wir ausrücken. Eine Koordination mit Dorothee und Stefanie wird mir in den nächsten Tagen nur sehr kurzfristig gelingen, denn Wetter und Wind werden unseren Tagesablauf bestimmen.

Nach dem Fliegen wird alles wieder raufgeschleppt
Nach dem Fliegen wird alles wieder raufgeschleppt

Mit der Aushändigung der Kursunterlagen beginnt Klaus mit den ersten Lektionen aus dem ersten von 4 Theorieblöcken, der Gerätekunde. Wir werden in den nächsten Tagen noch viel Wissenswertes aus den Kapiteln der Aerodynamik, Flugpraxis, Meteorologie und Luftrecht hören. Am Nachmittag wird uns das Material ausgehändigt, das aus Schirm, Gurtzeug und Helm besteht. Ein wichtiges Gerät ist das Funkgerät über das wir mit unseren Fluglehrern in direkter Verbindung stehen.

Tragegurt
Tragegurt

Erst gegen 18:00h begeben wir uns bei Westwind an den Startplatz, an die Südwestseite der Wasserkuppe. Nachlassende Thermik und Windböen geben uns grünes Licht für unsere ersten Grundflüge. Der Schirm trägt den Modellnamen „Bodyguard“- es kann also nichts passieren ☺

Alles startklar
Alles startklar

Nun wird es ernst- ich breite den Schirm aus und hänge den Tragegurt wie gelernt ins Gurtzeug ein. Dafür muss ich das Gurtzeug mit Gesicht zum Schirm überkreuzt einhängen und mich dann mit einer Drehung dem Tal zuwenden. Ich führe den 5 Punkte-Startcheck durch, bei dem ich mich selbst, die Leinen des Schirms, die bogenförmig ausgelegte Schirmkappe, die Windhose und den Luftraum prüfe. Ich nehme die Ausgangsposition mit umschlossenen Bremsschlaufen und A-Tragegurt ein und atme tief durch.

Aufziehphase- Lauf Forest Lauf !
Aufziehphase- Lauf Forest Lauf !

Klaus spricht mich über Funk an, ob ich bereit bin und checkt mich auch noch einmal komplett durch. „Dann los“- gibt Klaus Kommando- ich spüre sofort den enormen Widerstand den ich nun überwinden muss und merke wie der Schirm sich hinter mir erhebt- scheint zu klappen- ich erhalte weitere Kommandos und versuche zeitgleich selbst einiges zu koordinieren, setze aber die wichtigste Anweisung von Klaus einfach nicht um- schneller zu laufen. Nach einem Augenblick des Fliegens bleibe ich nicht laufbereit und krache mit bereits eingefahrenem Fahrgestell in die herrliche Blumenwiese, deren Anblick ich aus dieser Perspektive noch oft bewundern werde.

Blumenwiese
Blumenwiese

Etwas erleichtert nehme ich zur Kenntnis, dass ich mich an diesem ersten Abend in guter Gesellschaft befinde. Der Südwestwind ist allerdings nur ein laues Lüftchen und die Windhose hängt häufig relativ schlapp an ihrem Mast. Ich habe vielleicht 2X das Gefühl tatsächlich zu fliegen und damit in jedem Fall ein erstes Ziel für mich erreicht. Die Bürde des Anfängers ist es, den Schirm zu einer Blume zusammenzunehmen und über Rücken und Gurtzeug jedes Mal den ganzen Berg wieder raufzuschleppen. Beiläufig entgeht mir allerdings auch nicht in was für einer wunderschönen Landschaft ich mich hier befinde.

Schlussbesprechung bei Fast-Vollmond
Schlussbesprechung bei Fast-Vollmond

Ein besonderes historisches Fluggerät befindet sich am benachbarten Hang. Es wird mit Hilfe einer Gruppe von Leuten den Hang hinunter gezogen um dann in einen kurzen Gleitflug über zu gehen. Ein Traktor hilft dann wieder bei der Rückkehr zum Startplatz. So alt wie ich dachte ist das Teil noch gar nicht. Das Ding heißt Schulgleiter SG 38 und wurde seit 1938 in großer Stückzahl zur Ausbildung von Flugschülern eingesetzt. Auf mich wirkt das Szenario ein wenig wie in den Anfängen des Fliegens und das ist es ja auch, ein antriebsloser Gleitflug dessen Länge aerodynamisch klar terminiert ist.

Schulgleiter SG 38
Schulgleiter SG 38

Es wird spät bis endlich das Licht ausgeht, dafür schmeißt mich der Wecker am Sonntag schon sehr früh aus den Federn. Bereits um 6:30 Uhr geht es wieder an den Südwesthang. Mir gelingen heute tatsächlich 2 schöne kurze Flüge bei denen ich allerdings voller Begeisterung vergesse Laufbereitschaft herzustellen und somit wieder auf dem Hintern lande. Das ist an sich kein Problem, da die Energie eines angebremsten Aufpralls vom Protektor des Gurtzeugs gut kompensiert wird.

Die Verletzungsgefahr ist gering, da in den Wiesen wenig Steine oder Felsen vorkommen. Aber es gibt sie und das kann schmerzhaft sein, das muss Alex mit einer Wunde am Bein quittieren. Ich habe Glück und komme mit einer Prellung am Knie davon. Patrick wird morgen mit einer verstauchten Hand abbrechen. Das laufbereite Landen auf den Beinen ist nicht nur die elegantere, sondern auch deutlich sicherere Form der Landung. Der Weg dahin ist holprig und birgt schon Verletzungsrisiken.

Sonntagmorgen am Südwesthang
Sonntagmorgen am Südwesthang

Wir frühstücken gegen 8 Uhr, als sich schon erste Dynamik mit Böen und Thermik bemerkbar macht. Auf der Wasserkuppe steigt das Thermometer heute über 20 Grad. Am Vormittag werden wir wieder mit viel Theorie von Klaus versorgt. Nach einer großzügigen Mittagspause, in der ich ein wenig Schlaf nachhole, widmen wir uns am Nachmittag der K-Probe. Dabei geht es um die Feineinstellung der Sitzvorrichtung im Gurtzeug, um ein möglichst gutes Hineinrutschen in den Sitz bei den anstehenden Höhenflügen zu ermöglichen. Meine Standard-Trecking Hose scheint mir das Hinsetzen gar nicht möglich zu machen. Ich rutsche einfach nicht rein, da am Gesäß ein Material verbaut ist das dem Rutschen entgegenwirkt. Das Hinsetzen im Gurtzeug ist jedoch absolute Voraussetzung für die längeren Höhenflüge, bei denen ein Hängen im Gurtzeug zu Hängetrauma und Bewusstlosigkeit führen könnte. Diese Nuss bekomme ich diesmal nicht geknackt, da meine einzige Alternative eine ebenfalls ungeeignete Jeans wäre.

Anschauliche Aerodynamik bei Klaus
Anschauliche Aerodynamik bei Klaus

Die physikalischen Gesetze der Aerodynamik sind nicht nur graue Theorie sondern 1:1 bei unseren Flügen anwendbar. Die Sache mit den unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten an Ober- und Unterseite eines Tragflächenprofils ist mir geläufig. Es entsteht ein Druckgradient, der Auftrieb erzeugt. Der Urvater des Gleitfluges Otto Lilienthal hat in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts bei seinen Gleitflügen Messungen vorgenommen, die sich als wichtige Erkenntnis auf das Gleitschirmfliegen übertragen lassen.

Gleitflieger Otto Lilienthal
Gleitflieger Otto Lilienthal

Es geht um die sogenannten Geschwindigkeitspolare, die das Verhältnis von Geschwindigkeit und Absinken beschreiben. Die längste Reichweite eines Gleitschirms im reinen Gleitflug liegt bei seiner Trimmgeschwindigkeit, die etwa bei 37 Km/h liegt, man spricht von Bestem Gleiten. Die Erkenntnis, dass ein angebremster Schirm (28km/h) eine geringere Sinkgeschwindigkeit hat und beim Start mehr Auftrieb verleiht führt aber zu einer geringeren Reichweite. Spannend sind auch die Ausführungen von Klaus über die Auswirkungen von Gegen- und Rückenwind auf die Reichweite unserer Flüge.

Katja,Dominik,Alex,Lukas,Sven,Christoph und Klaus im Hessisch Canada
Katja,Dominik,Alex,Lukas,Sven,Christoph und Klaus im Hessisch Canada

Die Dynamik des Wetters lässt ein Fliegen am Abend nicht mehr zu und Klaus organisiert einen Tisch in einem bei der Flugschule beliebten Restaurant in Abtsroda. Der ehemalige Gasthof Hirsch wird von Exil-Kanadiern betrieben und trägt daher den Namen „Hessisch Canada“. Ein Teil der Gruppe folgt dem Aufruf und wir essen gut und reichhaltig im Biergarten. Neben Burger und Steak wird hier das kanadische Nationalgericht Poutine gereicht. Der seltsame Eintopf aus Pommes, Käse und Sauce spricht mich nicht wirklich an, wird von den Testern in der Gruppe allerdings als sehr lecker bewertet.

Mond und Wolken am Sonntagabend
Mond und Wolken am Sonntagabend

Wie an jedem Morgen erhalten wir von Klaus per WhatsApp die Info ob, wann und wohin es geht. Es geht auch heute am Montag wieder un 6:30 Uhr von der Flugschule los. Der Wind hat auf Nord gedreht und daher fällt die Wahl auf einen Nordhang in Heubach. Klaus hat sich heute weitere Unterstützung mitgebracht. Neben Christoph nehmen sich auch Joel und Annalena unserer Ausbildung an. Bevor wir zur Tat schreiten genehmigen sich alle noch ein Schnellfrühstück to-go an einer Bäckerei.

Ferienhäuser im Feriendorf auf der Wasserkuppe
Ferienhäuser im Feriendorf auf der Wasserkuppe

Der Hang bei Heubach wird flankiert von einem Skilift (Frauensteinlift Oberkalbach), der aber leider nicht in Betrieb ist. Ich sehe aber in Gedanken wie er mein Geraffel den Berg hochzieht. Alle bereiten sich am Startplatz vor und legen die Schirme aus. Ich ahne noch nicht, dass das heute Morgen mein einziger Versuch bleibt und der wird eine Megapleite. Bei sehr wenig Wind kommt der Impuls des Anlaufens bei mir vielleicht zu spät, vielleicht habe ich zu wenig angebremst mit dem Effekt, dass der Schirm mich überholt. Mittlerweile bin ich aber im Rennschritt downhill unterwegs, was den Schirm aber nicht mehr interessiert. Er fällt in sich zusammen und ich renne wie ein Idiot den Berg runter und hole mir dann beim Abbremsen eine ordentliche Zerrung in beiden Oberschenkeln.

Panorama am SW-Hang
Panorama am SW-Hang

Also verkackt- Blume bauen und rauf den Berg. Ohne Fleiß kein Preis ok- langsam bräuchte ich wirklich mal sowas wie den berühmten Kick. Ich lege gerade wieder meinen Schirm aus, als ich mitbekomme, dass irgendetwas nicht stimmt. Silke ist wohl nicht ganz optimal gelandet und liegt regungslos auf der Seite. Ich höre die Aufforderung über Funk an sie doch mal die Hand zu heben wenn alles in Ordnung ist, was sie nicht beantwortet. Mittlerweile wird klar, dass sie sich verletzt haben muss. Ich lege mein Gurtzeug ab und laufe hinunter zur Landewiese, wo bereits Dominik mit Silke spricht. Ich bin offensichtlich nicht der einzige Arzt in unserer Gruppe, schnell sind die Kriterien geprüft, die nicht unbedingt auf eine schwere Verletzung hinweisen aber eben auch nicht ausschließen. Den Berichten Dominiks und Patricks zur Folge war es kein Absturz aus großer Höhe und der Protektor steckt eigentlich einiges weg.

Lauf-Lauf-Lauf!
Lauf-Lauf-Lauf!

Längst hat Klaus einen Rettungseinsatz angefordert, der von der Leitstelle luftgestützt ausgeführt wird. Vor Eintreffen des RTW landet RTH Christoph 28 mit einer Notärztin aus Fulda, der wir gerne unsere Unterstützung bei Lagerung und Abtransport anbieten. Es geht bei Silke um Rückenschmerzen und nach Anlage eines Zugangs und Gabe eines Schmerzmittels erleben wir eine notfallmedizinische Versorgung und Lagerung nach Lehrbuch, bei der die gesamte Wirbelsäule in eine In-Line-Immobilisation verbracht wird. Wir verabschieden Silke ins Krankenhaus und hoffen das Beste.

RTH Christoph 28 Fulda- EC 135
RTH Christoph 28 Fulda- EC 135

Am Nachmittag erhält Freundin Heike Informationen aus dem Krankenhaus. Mit einer Wirbelfraktur muss Silke leider weiterversorgt werden. Das geht an Niemandem einfach so vorbei und nach der Mittagspause tut Klaus das einzig richtige und führt ein Reflektionsgespräch dazu. Ich kann an dieser Stelle nur noch meine Meinung dazu wiedergeben. Wie das Bergsteigen ist auch das Gleitschirmfliegen eine Outdoor-Sportart, die Gefahren birgt. Schwerere Verletzungen sind dabei Gott sei Dank selten. Heike teilt uns unter den aktuellen Umständen auch ihr Ausscheiden mit. Wie wir zuletzt hörten hat Silke ihren Eingriff 4 Tage nach dem Unfall gut überstanden und denkt bereits ans Weitermachen.

Gasthof Stern- Poppenhausen
Gasthof Stern- Poppenhausen

Mein fliegerischer Rohrkrepierer von heute Morgen erhält heute keine Gelegenheit mehr wett gemacht zu werden. Es ist regnerisch und böig am Nachmittag und alle geplanten Flüge für heute wurden gecancelt. Heute passt es mit einem gemeinsamen Abendessen mit Doro und Stefanie. Dafür haben die Beiden einen Tisch im Stern in Poppenhausen festgemacht. Das Haus hat eine lange Geschichte und gehörte als Amtswirtschaft mit den übrigen Gaststätten am Marktplatz in Poppenhausen zu den Steinau-Steinrückischen Gütern. Seit 1619 gibt es eine Erlaubnis des Fuldaer Fürstabts hier eine Gastwirtschaft zu betreiben. Seit 1714 ging der Stern in den Besitz eines Lehnsguts der Herren von Berlepsch über. „Lepse“ ist deswegen der geläufige Name des Sterns in der Bevölkerung. Das Gebäude steht auf den Grundmauern der Burgkapelle einer ehemaligen mittelalterlichen Wasserburg.

Kurz nach 5:00 Uhr- Sonnenaufgang an der Wasserkuppe
Kurz nach 5:00 Uhr- Sonnenaufgang an der Wasserkuppe

Mein letzter Tag am Dienstag beginnt gnadenlos früh. Der Wecker geht um 05:00 Uhr mit dem Sonnenaufgang synchron. Um 05:45 stehen wir am Südhang der Wasserkuppe bei einem Wahnsinnspanorama. Gleich mein erster Flug ist nicht ruhmreich und landet mal wieder auf dem Hintern bei wenig Wind und vielleicht zu wenig Triebwerksschub in den Beinen.

Gefüllte Windhose
Gefüllte Windhose

Danach gelingen mir 2 gute Starts mit entsprechenden Grundflügen in einer Höhe von etwa 30 Metern nebst an- und durch gebremster Landung auf den Beinen. Den Erfolg habe ich dringend gebraucht, denn ich wäre nicht sicher gewesen, wie ich mich im Weiteren entschieden hätte bezüglich meiner Ambitionen an diesem Sport dranzubleiben. Bei einem Teil der Gruppe ist der Groschen schon etwas früher gefallen und ein bisschen neidisch schaue ich ihnen bei ihren ersten langen Gleitflügen ins Tal zu. Der Lohn für diesen Erfolg ist, dass das Hochlaufen auf den Berg entfällt. Mit dem Bus werden alle wieder an den Start gebracht.

Take off
Take off

In der Theorie geht Klaus mit uns die Anflugsplanung in der sogenannten Landevolte durch. Gelandet wird wie auch beim Start immer gegen den Wind. Um beim Landen Ordnung in den Landeplatz zu bringen gibt es entsprechende Vorgaben, an die alle Piloten gebunden sind. Für die Fünf, die am Abend entsprechende Flüge absolvieren werden fahren wir zur Inspektion des Landeplatzes unterhalb der Abtsrodaer Kuppe.

Landeplatz-Inspektion Abtsrodaer Kuppe
Landeplatz-Inspektion Abtsrodaer Kuppe

Wir hören von Klaus eine Menge über Luftrecht und in der Gruppe macht sich bereits eine gewisse Unruhe ob der anstehenden Prüfung breit. Ich kann da ganz entspannt sein, weil das nach meinem 4-tägigen Kurs noch nicht vorgesehen ist. Der Stoff ist durchaus komplex und umfangreich und wird im Laufe der Woche für die Teilnehmer sicher noch weiter untermauert. Für mich ist heute der letzte Tag und das nehme ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Es wäre sicher gut jetzt dran zu bleiben, auf der anderen Seite haben wir eine feste Verabredung im Burgund, die diese Option ausschließt.

Abtsrodaer Kuppe- Dienstag Abend
Abtsrodaer Kuppe- Dienstag Abend

Abends fahren wir zur Abtsrodaer Kuppe. Für Katja, Pradeep und mich stehen noch weitere Grundflüge auf der Agenda. Mittlerweile habe ich erfahren, dass ein schöner Gegenwind einen Start deutlich günstig beeinflusst. Da sich die aufgestellte Windhose zwischenzeitlich immer wieder eher totstellt, feiere ich nun zum Abschluss nur noch 2 bescheidene Erfolge mit 2 gewerteten Grundflügen mit deren Landungen ich allerdings nicht zufrieden bin. Die letzte Landung endet in einem der wenigen Sträucher in der Wiese.

Abtrodaer Kuppe mit Gleitschirm-Höhenflug und Ballonfahrt
Abtrodaer Kuppe mit Gleitschirm-Höhenflug und Ballonfahrt

Ich stelle für dieses Mal meine Bemühungen ein. Ich habe meine Möglichkeiten in diesen 4 Tagen voll eingesetzt. Von den Jungs mit denen ich mich gemessen habe trennen mich mehrere Lebensdekaden und ich tröste mich damit, dass zunehmendes Alter vielleicht auch eine etwas flacher ansteigende Lernkurve mit sich bringt. Ich habe meine ganz persönliche Kurve, mit der ich in der kurzen Zeit sehr viel über das Gleitschirmfliegen gelernt und umgesetzt habe. Mehr habe ich in 4 Tagen auch nicht wirklich erwartet.

Start zum Höhenflug
Start zum Höhenflug

Mit zahlreichen blauen Flecken und schmerzenden Gliedern sehe ich noch bei den Höhenflügen von Alex, Lukas, Dominik und Sven zu, die vom Abtsrodaer Kopf über Baumwipfel im besten Gleiten zu Tale schweben. Ich werde noch ein paar Grundflüge brauchen und auch das Problem mit dem “In den Sitz rutschen” muss ich noch lösen, bevor auch mir dieses Vergnügen zu Teil wird.

Mein letzter Abend im Hessisch Canada
Mein letzter Abend im Hessisch Canada

Ich esse noch einmal mit allen zusammen im “Hessisch Canada”. Mir hat es enorm viel Spaß gemacht und natürlich möchte ich mehr!! Ich sehe meine bisherigen Erfahrungen einfach mal als Schnupperkurs an, an den ich im nächsten Jahr noch einmal mit der vollen Woche anknüpfe. Mein besonderer Dank geht auf jeden Fall an, Klaus, Christoph, Joel und Annalena, die es nicht leicht mit mir hatten.

Ich komme wieder!
Ich komme wieder!

Einen schönen Abschluss an der Wasserkuppe habe ich am Abend am Aussichtsplateau am Radom, der Radarkuppel aus der Zeit des kalten Kriegs. Wir stehen hier Oben und können den aufgehenden Vollmond leider nur verschleiert sehen. Im Westen ist der Himmel noch von der untergegangenen Sonne in rotes Licht getaucht. Bei guter Sicht kann man von hier oben bis nach Frankfurt blicken- meint Annalena. Über uns funkeln die Sterne- ich komme wieder!

Spätabends am Radom
Spätabends am Radom

Am Mittwoch reisen wir nach einem ganz entspannten Frühstück im “Peterchens Mondfahrt”’ mit Kurs Burgund ab.

A.Korbmacher

Berg- und andere Touren