2021 Hermannsweg-Teutoburgerwald Teil2

Das Jahr 2022 hat mit viel Arbeit und wenig Freizeit an den Wochenenden begonnen und wir werden mit unseren Freunden erst im März wieder ein gemeinsames Wochenende finden. Mit Dorothee fahre ich Ende Februar wieder an den Teutoburgerwald um den Hermannsweg weiter nach Westen Richtung Rheine fortzuführen.

Landschaft an der Deppendorfer Mühle in der Abendsonne
Landschaft an der Deppendorfer Mühle in der Abendsonne

Corona ist durchaus noch Thema, denn die Inzidenzen sind immer noch hoch. Impfung und Durchseuchung der Bevölkerung haben zumindest eine Phase erreicht, in der die Anzahl Erkrankter in den Kliniken im versorgbaren Rahmen bleibt. Politiker erklären die Pandemie schon als beendet und rufen Lockerungen aus, da stockt der Welt mit einer neuen Katastrophe der Atem.

Deppendorfer Mühle bei Werther
Deppendorfer Mühle bei Werther

Was keiner wirklich für möglich gehalten hat ist passiert. Der russische Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin hat den seit 2014 bestehenden Konflikt mit der Ukraine zur totalen Eskalation gebracht. Am 24. Februar 2022 hat er mit einem Angriffskrieg auf den souveränen Staat begonnen. Auf dem Gebiet des potentiellen EU-Beitritts-Landes wird die europäische Staatengemeinschaft mit Entsetzen Zeuge eines erbitterten Krieges mit allen Konsequenzen. Putin hat einen Brandsatz geworfen, der das Potential hat die Welt in einen globalen Konflikt zu stürzen. Blutige Gefechte führen zu hohen Verlusten und wieder einmal werden sehr viele Menschen sterben und leiden. Eine halbe Million Menschen ergreifen die Flucht, Frauen und Kinder müssen ihre Männer und Väter bei der Ausreise zurücklassen. Im Vorfeld waren alle diplomatischen Bemühungen am langen Tisch des „autokratischen Zaren“ gescheitert.

Gemütliches Nachtquartier
Gemütliches Nachtquartier

Am Freitagnachmittag fahren wir nach den Stürmen der letzten Wochen nach Norden in eine schwarze Gewitterwand. Wir werden uns wohl zukünftig auf eine Zunahme von Extremwetterlagen einrichten müssen. Experten werten die Bedeutung der Klimaerwärmung für die Menschheit immer mehr auf. Wir kommen unbeschadet durch die Gewitterwand und am Abend wird uns am Teutoburger Wald von der tief stehenden Sonne noch ein krasses Farbspektakel in die Landschaft gezaubert.

Mühlentechnik der Frühindustrialisierung
Mühlentechnik der Frühindustrialisierung

Wir erreichen unser Ziel nordwestlich von Bielefeld, wo wir uns im Weiler Deppendorf bis Sonntag in einer historischen Wassermühle einquartiert haben. Das alte Mühlengebäude wurde im Jahr 1697 erbaut und mit 2 Wasserrädern ausgestattet. Die älteste Erwähnung einer Wassermühle an dieser Stelle geht auf das Jahr 1535 zurück. Der Expressionist Peter August Böckstiegel (1889-1951) wurde unweit der Mühle an der Schlossstraße in Werther-Arrode geboren. Auf seinen Landschaftsbildern findet man auch die hiesige „Oberste Mühle“ mit ihrer langen bewegten Geschichte.

Peter August Böckstiegel- Mühle in Deppendorf 1912
Peter August Böckstiegel- Mühle in Deppendorf 1912

Ein 4-stöckiger Anbau der Mühle kam im Rahmen moderner Mühlentechnik 1948 dazu. Nach drohendem Verfall, Restaurierung und unterschiedlicher Nutzung der Räume ist nun ein Hotelbetrieb in diese Location eingezogen. Leider ist das Restaurant mangels Koch für uns nicht nutzbar und so folgen wir einer Empfehlung mit griechischer Küche am Rand von Bielefeld.

Hier wurde einst hart gearbeitet
Hier wurde einst hart gearbeitet

Am Samstag frühstücken wir im Innenraum der alten Mühle, in der noch die Welle mit den Riemenscheiben für die Übertragung der Wasserkraft auf die Maschinen erhalten ist. Der frühindustrielle Innenraum bietet ein besonderes Ambiente. Die Innenräume des Hotels sind unter Erhaltung der alten Balken geschmackvoll eingerichtet. Wir freuen uns mal wieder eine besondere Bleibe für das Wochenende gefunden zu haben.

St.Jacobi Kirche Werther
St.Jacobi Kirche Werther

Wir parken unser Auto in der Mitte von Bielefeld in der Nähe des Klosterplatzes und fahren mit dem Bus nach Werther. In gewohnter West-Ost-Richtung werden es heute 18,6 Kilometer auf der 5. Etappe, die in Bielefeld an die zuletzt gegangene 6. Etappe anschließt. Bevor wir jedoch starten wollen wir noch einen Blick in die St. Jacobi Kirche in Werther werfen. Aus einer ursprünglichen Holzkirche entstand seit dem 9.-10. Jahrhundert eine Steinkirche, über die Jahrhunderte wuchs die heutige Saalkirche mit dem Turm von 1200, dem Langhaus aus dem 14.Jh. und dem Querhaus von 1876/77. Leider lässt sich nur die Tür mit der Aufschrift „Kein Eingang“ öffnen. Wir kommen mit dem nur leicht empörten Gemeindepfarrer ins Gespräch und erhalten einige Erläuterungen über seine Kirche. Im Turm befindet sich ein hölzerner Christus-Torso, den man auf dem Dachboden gefunden hat. Die C-14-Methode konnte sein Alter vor 1500 datieren.

Das ehemalige Storck-Haus
Das ehemalige Storck-Haus

Direkt gegenüber der Kirche steht ein schmuckes Fachwerkhaus, das ein Kaufmann 1760 erbaut hat. 1903 wurde es das Wohn- und Kontorhaus von August Storck. Die Werthersche Zuckerwaren Fabrik nahm hier ihren Ursprung und nicht nur aus der Werbung kenne ich die „Storck-Riesen“ und die „Werthers Echten“. Auch das Böckstiegel-Haus und –Museum befinden sich in Werther.

Erste Schneeglöckchen
Erste Schneeglöckchen

Steil geht es 200 Höhenmeter in südwestlicher Richtung hinauf auf den Kamm des Teutoburger Waldes. Wir blicken zurück auf die Ortschaft Werther mit der St.Jacobi Kirche im Zentrum. Mit dem Wetter haben wir an diesem Wochenende „den Vogel abgeschossen“. Nach einer frostigen Nacht klettern die Temperaturen in der Morgensonne langsam aufwärts und es zeigen sich einige Inseln von Schneeglöckchen im Wald.

Hängematte am Hauptkamm
Hängematte am Hauptkamm

Nach Südwesten blicken wir in den Steinbruch Gödecke, in dem seit dem 9.Jahrhundert Osning-Sandstein als Baumaterial abgebaut wurde. Das begehrte Baumaterial wurde vor 125 Millionen Jahren in der Unterkreidezeit an Küsten abgelagert. Nur im Teutoburger Wald und im Eggegebirge kommt der besondere Stein in dieser prägnanten Ocker- Färbung vor. Es tun sich freie Panoramen in die Ebene nach Nordosten bis nach Bielefeld und auf den östlichen Teutoburger Wald auf. Oberhalb von Bielefeld steht auf der 312,5 Meter hohen Hünenburg ein Fernsehturm, einer der markanten Punkte unserer heutigen Etappe.

Blick zurück auf Werther
Blick zurück auf Werther

Schilder weisen uns entlang des Bergrückens auf kreisförmige Hügelgräber aus der Jungsteinzeit (3000 v.Chr.), der Bronzezeit bis 800 v.Chr. und der Eisenzeit ab 800 v.Chr. hin. Einsenkungen im Boden können aber auch sogenannten Pingen, Relikten aus früher Bergbautätigkeit zugeordnet werden. Diese Einsenkungen sind nicht kreisförmig und regelhaft zur Talseite angelegt. Möglicherweise haben Bauern als Nebenerwerb an solchen Pingen frühen Bergbau betrieben.

Panorama nach Norden
Panorama nach Norden

An einem Startplatz für Gleitschirmpiloten schlägt mein Herz höher, denn im Juni habe ich mich für einen Gleitschirm-Kurs in der Röhn angemeldet, um auch das mit dem Fliegen einfach mal selbst zu probieren. Der Wind hier oben kann allerdings auch seine Muskeln spielen lassen, wie bei den Stürmen der letzten Wochen. Nicht nur Fichten hat es erwischt, alle Nase lang liegen Stämme und Geäst quer auf dem Weg und in den Hängen. Undulierend bewegen wir uns auf einer Höhe um die 300 Metermarke.

Kranich-Geschwader ?
Kranich-Geschwader ?

Mit einem ungewohnten Schwarm-Geschnatter zieht ein Kranichgeschwader über uns hinweg. An einer Wacholderheide finden wir eine Bank für unsere Mittagspause. Südlich von uns liegt das Örtchen Steinhagen, das einem besonderen Erzeugnis seinen Namen gab. Die Geschichte des echten Steinhägers geht auf das 15. Jahrhundert zurück, als es noch großflächige Wacholderheiden gab. Aus der ursprünglichen „natürlichen Arznei“ entstand eine Spirituose, die in zahlreichen Hausbrennereien destilliert wurde. Heinrich Schlichte begann 1766 als einer der Ersten mit dem gewerbsmäßigen Brennen.

Hindernisse durch Sturmschäden
Hindernisse durch Sturmschäden

Wir erreichen die Kaiser-Friedrich-Gedächtnishütte, die zu Ehren Friedrichs III von Preußen errichtet wurde. 1912 wurde sie eingeweiht, nach Zerstörung im 2. Weltkrieg 1952 wieder aufgebaut und zuletzt 2005-2008 nach drohendem Verfall wieder hergerichtet. Einige Meter südöstlich der Hütte gibt es Reste einer Wallanlage, einer sogenannten Schwedenschanze von vermutlich 1673. Der Ausblick nach Süden und Norden ist mit Hinweistafeln ausgestattet.

Kaiser-Friedrich-Gedächtnishütte
Kaiser-Friedrich-Gedächtnishütte

Nun wendet sich der Weg der Hünenburg, dem 312,5 Meter hohen Berg mit einem 165 Meter hohen Fernsehturm aus dem Jahr 1974 zu. Hier oben auf der Hünenburg fand man Überreste einer Ringwallanlage aus der vorrömischen Eisenzeit. Bereits 1952 musste der ehemalige steinerne Drei-Kaiser-Turm einem ersten Betonturm der Deutschen Bundespost weichen, der 1981 zum Aussichtsturm rückgebaut wurde. Den 360-Grad-Rundblick, der nur durch den benachbarten hohen Sendeturm Richtung Bielefeld gestört ist, lassen wir uns nicht nehmen. Weit reicht die Sicht über den Teutoburger Wald, sowohl Richtung Osten, als auch nach Westen.

Panorama mit Bielefeld nach NO
Panorama mit Bielefeld nach NO

Eine Weile folgen wir dem Kammweg, von dem wir Richtung Bielefeld absteigen. Wir passieren den Tierpark Olderdissen und gelangen nach Überquerung der B778 an die Parkanlage auf dem Johannisberg südwestlich des Zentrums von Bielefeld. Mit schönen Blicken auf Sparrenburg und die Neustädter Marienkirche steigen wir hinab in die Innenstadt und suchen uns den Weg zum Parkhaus an der Ritterstrasse.

Die Sparrenburg im Abendlicht
Die Sparrenburg im Abendlicht

Wir müssen uns sputen, denn heute Abend haben wir uns einen Tisch in einem feinen Restaurant in Kirchdornberg am Westrand von Bielefeld reserviert. Wir werden dort bestens versorgt und kehren erst spät zurück zu unserer Wassermühle.

Am Abend in Kirchdornberg
Am Abend in Kirchdornberg

Nach fast 6 Wochen Wanderkarenz wachen wir mit schmerzenden Beinen auf und lassen uns Zeit beim Frühstück. Dorothee kürzt die heutige Strecke etwas ab, womit wir nicht die komplette 5.Etappe gehen werden. Wir parken unser Auto an einer Schule in Werther und fahren mit dem Bus bis zur Bushaltestelle „Pohlmann“ auf der L785, auf halber Strecke zwischen Werther und Borgholzhausen. Die heutige Tagesetappe über den Bergrücken nach Werther beläuft sich am Ende auf 10,7 Kilometer.

Im Irgendwo zwischen Borgholzhausen und Werther
Im Irgendwo zwischen Borgholzhausen und Werther

Das Wetter ist grandios, es ist wieder ein wolkenloser stahlblauer Himmel mit einer sehr guten Fernsicht. An einigen Höfen und an einem Golfplatz vorbei gewinnen wir rasch an Höhe und erreichen über den Kammweg in Marschrichtung Osten bald die Große Egge 312m mit einem Sendemast. Auch hier oben kann man ehemalige Pinge im Gelände erkennen, Relikte aus der Frühzeit des Haller Bergbaus. Auch verschüttete Stolleneingänge von Erzgruben soll es hier oben geben.

Aufstieg Große Egge 312m
Aufstieg Große Egge 312m

Seit 1505 entstanden bei Halle Bergwerke, in denen Kohle und am Bergkamm Erze gefördert wurden. Bis 1885 gab es 23 Grabungen nach Kohle und 24 nach Erzen. Einer der größeren Betriebe war die Zeche „Vereinigte Arminius“, deren Stollenloch zum Katharinenstollen man über einen Bergbauwanderpfad erreichen kann. Der Niedergang der Zechen nach 1885 ergab sich mit dem Betrieb der Köln-Mindener-Eisenbahn, die die Kohle preisgünstiger aus dem Ruhrgebiet brachte.

Chill out mit "Knüll"-Blick
Chill out mit „Knüll“-Blick

Wir lassen uns auf einer Bank bei der Mittagspause viel Zeit und genießen das wonnige Gefühl der Sonne im Gesicht. Der Weg führt uns weiter talwärts über die L782, in den Wald am 254m hohen Knüll. Eine Hinweistafel weist auf die Spuren einer Ponybahn aus der Kaiserzeit hin. Es gab hier eine Ausflugs-Gaststätte, die um die Jahrhundertwende zum 20.Jh. ein beliebter Ort für den Familienausflug war. Interessant sind die Waldgräber mit Grabsteinen aus dem 19.Jh. Solche Waldbegräbnisse sind bei Halle zahlreich und in Westfalen einzigartig. Hier sind es Apothekergräber rund um den Wund- und Augenarzt Engelhard Diederich Schmülling (1765-1816), der sich als Star-Stecher einen Namen gemacht hat. Ein Stück weiter kommen wir noch an der 1799 angelegten Grabstätte der Kaufmannsfamilie Hagedorn vorbei.

Die Apothekergräber
Die Apothekergräber

Ursprünglich sollte es die Grabstätte Hermann Hagedorns sein, der mit 64 Jahren schwer erkrankte. Er überlebte aber Frau und Kinder, wurde 91 Jahre alt und verstarb in Bremen. Das sei erwähnt, da wir nun zu seinem Tempel, der wegen seines Aussehens „Die Kaffeemühle“ genannt wird aufsteigen. Hagedorns Kinder und Enkel haben ihm das Denkmal zu seinem 68. Geburtstag geschenkt. Für uns bietet sich von hier ein schöner Blick auf Halle in Westfalen.

"Die Kaffeemühle" zu Ehren Hermann Hagedorns
„Die Kaffeemühle“ zu Ehren Hermann Hagedorns

Wir kommen am sogenannten Gärtnerhaus von 1796 vorbei, das im Landschaftspark der Hagedorns liegt, in dem Obst, Gemüse und sogar Wein angebaut wurden. Eine alte Pflaumenbaum-Allee ist von ehemals über 2000 Obstbäumen übrig geblieben. Der Bewohner des verwunschenen Hauses teilt den Vorbeigehenden auf einer Papp-Tafel seine Meinung über den russischen Machthaber mit:

„Putin vertreibe nicht die unschuldigen Menschen, vertreibe das Böse aus Deiner Seele!!!“

Blick auf Halle (Wesfl.) von der Kaffeemühle
Blick auf Halle (Wesfl.) von der Kaffeemühle

Ein Stück weiter kommen wir an einem Denkmal zum 700. Todesjahr des Minnesängers Walther von der Vogelweide (1170-1230) vorbei. Der Ravensberger Männergesangsverein hat hier seinem Idol am 29.Juni 1930 dieses Denkmal gesetzt. Traditionsgemäß findet an diesem Ort seitdem jeden Pfingstsonntag in der Früh ein Pfingstsingen statt. Neben Wolfram von Eschenbach gilt der Troubadour als wichtigster Dichter des Mittelalters.

Das Gärtnerhaus im ehemaligen Landschaftspark der Hagedorns
Das Gärtnerhaus im ehemaligen Landschaftspark der Hagedorns

Nach Umrundung des Storkenbergs überqueren wir die Bundesstraße K49 in Ascheloh und müssen an dieser ein Stück entlang laufen, um an den Anknüpfungspunkt des gestrigen Wegstücks anzuschließen. Der Rückweg zum Auto an der Schule in Werther überschneidet sich dann mit dem Zuweg von gestern. An der Schule essen wir vor der Heimfahrt noch unsere Brote in der Sonne.

Bald geschafft!...
Bald geschafft!…

In der 2. Märzhälfte wenden wir uns bei guter Wetterprognose wieder dem Hermannsweg zu und haben dafür noch einmal eine Übernachtung in der Deppendorfer Wassermühle festgemacht. Seit fast 4 Wochen dauern die blutigen Kämpfe in der Ukraine bereits an und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung wird die Infrastruktur des Landes zunehmend zerstört, jede militärische Einmischung aus dem NATO-Raum könnte einen globalen Konflikt mit allen Konsequenzen nach sich ziehen. 10 Millionen Menschen sind auf der Flucht, 3,5 Millionen davon bereits im Ausland. Globale Auswirkungen auf die internationalen Märkte mit Preisanstiegen und Verknappung von Rohstoffen und Lebensmitteln bekommen wir bereits zu spüren. Russische Propaganda verdrängt jegliche neutrale oder kritische Berichterstattung- Social-Media-Kanäle werden kurzerhand abgeschaltet- Putins Verhalten erfüllt zunehmend alle Qualitäten eines Diktators, der sein Land auf Konfrontationskurs mit dem Westen in einen neuen, sehr kalten Krieg bringt. Die abendlichen Bilder in den Medien geben allen Anlass zu großer Besorgnis.

Noch einmal an der Bushaltestelle Pohlman
Noch einmal an der Bushaltestelle Pohlman

Wir parken am Samstagmorgen unser Auto auf dem Parkplatz eines Pflegedienstes gegenüber der Bushaltestelle „Pohlmann“, die diesmal der Endpunkt unserer 13,6 Kilometer langen Tagesetappe von Borgholzhausen über den Gipfel der Großen Egge ist. Am Sonntag ist es mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwierig und so legt Dorothee einen Rundweg von 12,1 Kilometer nordwestlich von Borgholzhausen fest, der uns am Vicarienberg auf 270 Höhenmeter auf den Hermannsweg führt. Diesem folgen wir dann am Hollandskopf vorbei über die Johannisegge 291m zurück zum Ausgangspunkt.

Heimatmuseum von Borgholzhausen
Heimatmuseum von Borgholzhausen

Die Sonne scheint und kein Wölkchen ist am Himmel, die morgendlichen Temperaturen verlangen allerdings nach einer warmen Jacke. Die Erlaubnis für die Benutzung des Parkplatzes des Pflegedienstes an der Bushaltestelle zwischen Werther und Borgholzhausen haben wir uns vorsorglich eingeholt. Der Bus kommt pünktlich und bringt uns in das Zentrum von Borgholzhausen.

Borgholzhausen- Ältestes Gebäude 1489- Seit 1770 im Besitz einer Bäckerfamilie
Borgholzhausen- Ältestes Gebäude 1489- Seit 1770 im Besitz einer Bäckerfamilie

Hier durchstreifen wir den alten Ortskern und schauen in den Geo-Garten hinter dem Heimatmuseum in einem Haus von 1799. Im Geo-Garten erfahren wir einiges über die Böden in der Region. Bei der vorletzten Eiszeit vor 200000 Jahren reichten Gletscher bis an den Südrand des Teutoburger Waldes und brachten Gesteinsbrocken aus Skandinavien. Nach der letzten Eiszeit vor 30000 Jahren füllten sich die Täler mit fruchtbarem Lößstaub. Die Entstehung der darunter liegenden Schollen aus Kalk-, Ton und Sandstein kann unterschiedlichen Erdzeitaltern zugeordnet werden. Die Kalksteinbrüche denen wir heute begegnen haben ihren Ursprung im mittelwarmen Oberkreide-Meer vor 80-90 Millionen Jahren.

Traktoren-Schatz
Traktoren-Schatz

Unser Weg durch Borgholzhausen führt uns noch an einigen historischen Häusern vorbei. Das Kircheninnere der evangelischen Kirche bleibt uns leider verborgen. Man fand Hinweise auf Vorgängerkirchen seit der Zeit Karls des Großen um 800 n.Chr. Das Herzstück der einschiffigen Kirche ist wohl ein aus Stein geschnitzter Altar von 1501. Von der ehemaligen Textilindustrie in Borgholzhausen zeugen das Bleichhäuschen an der Bleichwiese und die Rötekuhlen. Der angebaute Flachs musste in wassergefüllten Kuhlen 1 Woche lang röten= (ver)rotten, um die inneren Fasern für die Leinenproduktion zu gewinnen.

Hof am Rand von Borgholzhausen
Hof am Rand von Borgholzhausen

In südlicher Richtung verlassen wir den Ort an Feldern und ein paar Höfen entlang und erreichen bald den durch den Pass von Borgholzhausen unterbrochenen Höhenrücken des Teutoburger Waldes. Der Weg nimmt nun unsere Hauptmarschrichtung (West-Ost) auf und bringt uns hinauf zur Burg Ravensberg. Im 12. Jahrhundert entstand hier auf dem Ravensberg in typischer Spornlage die Höhenburg, die der Grafschaft ihren Namen gab. Die größte Ausdehnung erfuhr das Ravensberger Land im 13. Jahrhundert über Halle, Werther und Steinhagen bis Bielefeld und bis in die Kreise Herford und Minden-Lübbecke hinein.

Aufstieg zur Burg
Aufstieg zur Burg

Ich habe meine Drohne dabei, die ich zu einem Panoramaflug um die Burg aufsteigen lasse. Sie hat ganz schön zu kämpfen bei dem böigen Wind oberhalb des Höhenrückens. Wir sitzen windgeschützt in der Sonne und richten uns auf einer Bank für eine etwas längere Pause ein. Der Gratweg führt uns dann im steten Auf und Ab an ein paar abgelegenen Höfen vorbei.

Auf Burg Ravensberg
Auf Burg Ravensberg

Wir passieren den Südhang des Barenbergs 269m und steigen auf 140 Meter Höhe ins Hesseltal ab, bevor der Aufstieg über die Westschulter der Großen Egge auf über 300 Höhenmeter beginnt. Der Wind bläst auf dem Grat ordentlich und mit dem Windchill-Faktor fühlen sich die gemessenen 8 Grad sehr eisig an. Neben den bereits gefallenen Bäumen und den Rodungsflächen scheinen die zerzausten Bäume am Grat im letzten Kampf ums Überleben zu stehen.

Grosse Egge- Westgrat
Grosse Egge- Westgrat

Wir haben einen tollen Fernblick von der Großen Egge und steigen am ländlichen Golfplatz bei Eggeberg hinab zum Parkplatz an der L785 zu unserem Auto. Bevor wir zu unserer Wassermühle zurückkehren statten wir in Werther- Arrode noch dem Böckstiegel-Museum einen Besuch ab. Wir erfahren aber, dass die Böckstiegel- Gemälde in dem modernen Ausstellungs-Gebäude derzeit wegen einer Sonderausstellung nicht zugänglich sind. Peter August Böckstiegel (7.April 1889- 22.März 1952) gilt als bedeutender Vertreter moderner Kunst in Westfalen. Sein Geburtshaus befindet sich direkt nebenan. Noch einmal essen wir in dem ambitionierten Restaurant in Kirchdornberg bei Bielefeld. Zurück an der Deggendorfer Mühle fallen wir auch diesmal in der historischen Mühlenstube in einen zufriedenen Schlaf.

Frühjahrs-Dekoration an der Deppendorfer-Mühle
Frühjahrs-Dekoration an der Deppendorfer-Mühle

Auch am Sonntag erwachen wir bei Kaiserwetter und nach dem Frühstück fahren wir nach Borgholzhausen. Wir parken hinter dem Uphof, dem größten und ältesten Hof des Ortes. Nach einem 30jährigen Krieg zur Zeit Karls des Großen, bei dem die Sachsen unterworfen wurden, beauftragte der Kaiser ihm genehme Bauern die öffentliche Ordnung zu wahren. Es waren die Meier (Majores) die u.a. niedere Rechtsprechung ausüben durften. So hatte die hiesige Upmeyer- Dynastie Macht und das heutige Bauernhaus im Stil des westfälischen Fachwerks wurde 1796 von Camerarius Friedrich Upmeyer erbaut. Die alte Inschrift auf dem Deelentor zeugt vom Selbstbewusstsein des Erbauers:

„Missgunst kann nicht schaden. Was Gott will muss geraden. Die mir nicht gönnen und nicht geben, die müssen leiden, dass ich lebe….“

Uphof- Borgholzhausen
Uphof- Borgholzhausen

Die 12 Kilometer-Sonntagsrunde führt uns zunächst nordwestlich aus Borholzhausen heraus. Wir kommen an einigen alten Höfen vorbei, die heute eher zu schmucken Behausungen umfunktioniert wurden. Auch hier findet man über den ehemaligen Toren Inschriften aus der Erbauungszeit. Langsam ansteigend gelangen wir in den Wald nördlich der Bundesstraße K25, die wir kurz tangieren bevor wir in die ausgedehnten Wälder am Neuenkirchener Berg 220m gelangen.

Im Buchenwald
Im Buchenwald

Hinweistafeln haben uns auf historische Grenzsteine von 1783 aufmerksam gemacht, die wir leider nach der Skizze nicht lokalisieren können. Es sind die Grenzsteine zwischen den Fürstentümern Osnabrück und Brandenburg, dem späteren königlich-preußischen Gebiet. Heute ist es die Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Auch Pinge und Reste von kleinen Bergwerken haben ihre Spuren hinterlassen. Absteigend gelangen wir im Talschluss an den Steinbach, der sich mäandernd in den herrlichen Buchenwald gegraben hat.

Umgestürzte Bäume
Umgestürzte Bäume

Nun in südwestlicher Richtung mit erneuter Überquerung der K25 steigen wir 150 Höhenmeter hinauf, am Vicarienberg 270m vorbei zum Hollandkopf auf über 300 Höhenmetern. Wir sind nun wieder in West-Ost Richtung auf dem Hermannsweg unterwegs. Auf der Höhe zeigt der Wald zunehmend Sturmschäden und ganze Rodungsflächen mit hohen Holzstapeln gehen wohl auf das Konto des Borkenkäfers. Während wir da so stehen kracht es plötzlich und ohne erkennbaren Grund schlägt ein Baum mit ausgerissenem Wurzelwerk in den Wald. Die Wurzeln der wohl kranken Fichte konnten dem Gewicht nicht mehr standhalten.

Holzstapel am Wegesrand
Holzstapel am Wegesrand

Der Hollandskopf war von 1963-1983 mit einer holländischen Feuerleitstelle Teil einer Nike-Herkules Raketenstellung auf der anderen Seite von Borgholzhausen. Die Radaranlage wurde hier oben 1984 von den Briten für extreme Tiefflüge übernommen und erst 1992 aufgegeben. Es ist ein Relikt des letzten kalten Krieges mit einem auch atomaren Raketenriegel, der quer durch unser Land verlief. Kehren wir mit der Ankündigung unseres Kanzlers 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr zu investieren wieder zurück in diese von Misstrauen geprägte Zeit?

Auf dem Luisenturm mit Blick nach Osten
Auf dem Luisenturm mit Blick nach Osten

Ein aussichtsreiches Highlight dieses Tages stellt der 16 Meter hohe hölzerne Luisenturm auf der Johannisegge 291m dar. Über Borholzhausen hinweg schauen wir nach Osten auf die bereits begangenen Höhen und nach Südost zur Burg Ravensberg hinüber. Oberhalb von Borgholzhausen finden wir noch eine Relaxliege in der Sonne und leeren vor der Heimfahrt noch unsere Teekanne und die Brotdose.

Arnd Korbmacher

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