Zombie- Belagerung unter Sternen im Nazi- Knast 2025
DAV Essen- Fahrt der Allrounder auf die Eifelhütte auf Burg Vogelsang im Nationalpark Eifel
Es ist das letzte Wochenende im Monat März, an dem mich Dorothee nachmittags am Krankenhaus abholt, damit wir uns zeitig auf den Weg in die Eifel machen. Wir treffen uns am Abend auf Burg Vogelsang hoch über dem Urft-Stausee mit unseren Freunden, mit denen wir ein gemeinsames Wanderwochenende geplant haben. Nachdem wir uns durch den zähen Mix aus Berufs- und Freitags- Ausflugsverkehr schon fast bis nach Kerpen durchgemogelt haben geht mir die Frage durch den Kopf, ob unsere Wanderschuhe auch an Bord sind. Doro hat an alles gedacht, die Schuhe stehen aber leider zu Hause. Wenn auch nicht die Wanderstiefel, so habe ich zumindest laufbare Schuhe an den Füssen. Dorothees Straßenschuhe erscheinen da weniger geeignet.

Wir steuern einen Intersport- Laden an und kaufen als einzig sinnvolle Option ein paar Schuhe für Dorothee, damit wir für die morgige Wanderung gerüstet sind. Wir erreichen Burg Vogelsang ohne zu wissen, wo sich unsere Wanderherberge auf dem weitläufigen Gelände eigentlich genau befindet. Dabei erhaschen wir noch einen fantastischen Blick über den Stausee hinweg auf die weitläufigen Hügel, hinter denen glutrot die Sonne versinkt. Auf der weiteren Suche fahren wir wieder zurück zum Torhaus der Anlage, wo wir dann tatsächlich das typische Hüttenschild einer Alpenvereinshütte entdecken. Wir sind die Ersten und mit dem hinterlegten Türcode können wir unser Wochenend-Quartier schon mal von innen erkunden.

Wir befinden uns auf dem Gelände der ehemaligen NS- Ordensburg Vogelsang. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers begann man damit Ordensburgen in Deutschland zu errichten, Ausbildungs- Stätten mit dem Ziel eine gewissenlose Führerelite zu formen. Der führertreue Nachwuchs erhielt auf Ordensburgen wie Vogelsang eine Herrenmensch- Gehirnwäsche, mit der die wahnhafte, menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten in die eroberten Gebiete getragen werden sollte. Auf dem Eifelsteig haben wir uns 2020 dazu die sehenswerte Ausstellung „Bestimmung Herrenmensch“ angeschaut. Einen Beitrag dazu habe ich unter >Abgeschlossene Wanderprojekte/Eifelsteig 2019-2021< geschrieben.

Das tausendjährige Reich wurde zum Fleischwolf für die Jugend Europas und endete schon nach wenigen Jahren in Schutt und Asche. Mit diesem Teil der Geschichte müssen wir heute leben, aber auch auseinandersetzen. Bei dem Besuch von Gedenkstätten des Nazi- Terrors sollte es jedem kalt den Rücken hinunterlaufen. Zu welcher Horrorshow kann sich eigentlich ein ganzes Volk verleiten lassen, was ist mit Menschen los, die dieses Grauen heute bagatellisieren oder sich gar davon angezogen fühlen. Vogelsang wurde 1945 von den Nazis befreit und war bis Ende 2005 über den kalten Krieg hinweg Kaserne des belgischen Militärs mit angrenzendem Truppenübungsplatz. Heute liegt die Gedenkstätte Vogelsang im 2004 eingerichteten Nationalpark Eifel.

Die Gaststube mit der angrenzenden Küche im Eifeler Haus Vogelsang empfängt uns behaglich und komfortabel eingerichtet. Im ehemaligen Malakoff- Torhaus hat die Sektion Eifel 2024 die Selbstversorgerhütte des DAV eröffnet, die Wanderern im Nationalpark ein ideales Basislager bietet. Die Zimmer sind zweckmäßig eingerichtet, die modernen Bäder mit WC und Dusche befinden sich auf dem Flur. Bei schlechtem Wetter bietet ein Boulder- Raum Gelegenheit für bodennahes Klettern und für „dicke Arme“. Die Flure wecken allerdings eine Assoziation mit…- ja genau, die Räumlichkeiten wurden seit der Eröffnung von Vogelsang 1938 bereits von den Nazis und nach dem WWII von der belgischen Armee als Gefängnis genutzt. Die kleinen Kammern mit den 14 Doppelstockbetten waren damals die Arrestzellen, teilweise finden sich noch Gitter vor den Fenstern.

Während wir unser Abendessen vorbereiten treffen Marc und Heike ein, die eine Fahrgemeinschaft mit Uli und Tanja gebildet haben. Leider beziffert sich unsere Gruppe an diesem Wochenende nur auf sechs Köpfe, da Moni mit Bernhard durch eine Verletzung und Tina mit Hundeversorgungs- Problematik ausfallen. Nachdem wir unsere geschichtsträchtige Location noch einmal zusammen inspiziert haben machen wir es uns in der heimeligen Gaststube gemütlich.

Draußen ist es stockdunkel und die Sterne funkeln über uns. Wir befinden uns im NP- Eifel, der sich als Sternenpark präsentiert, in dem Lichtemissionen soweit möglich vermieden werden. Es ist saukalt mit Nachttemperaturen um den Gefrierpunkt. Am Abend klopft es von draußen ans Fenster und wir erkennen Gesichter in der Dunkelheit. Wir öffnen das Fenster und zwei asiatische Jungs bitten uns um „Something to drink“. Wir füllen eine Flasche mit Wasser und reichen sie den Beiden. Wasser ist aber nicht ihr Begehr, sondern Beer and Liquors. Was sind das für Leute mitten in der Nacht?

Wir erarbeiten eine Theorie mit Inhalten aus diversen Filmen und zusammen mit dem morbiden Charme unserer Ex- Nazi Burg lassen wir unsere Assoziationen zu den abstrusesten Phantasien erblühen. Behilflich dabei sind „Shining“, „Psycho“ oder Zombie- Streifen wie „Shaun of the dead“ und schon wird unsere Gaststube zur einzig sicheren Zone vor nach Bier dürstenden Zombies draußen vor dem Fenster. Das Verlassen des Gastraums auf die Flure zu den Zimmern macht nach diesen bizarren Horrorgeschichten schon etwas Gänsehaut. Später erfahren wir von einer Flüchtlings- Unterkunft auf dem Gelände, so dass wir die Zombie – Theorie wohl getrost verwerfen können 😉

Der Abend schreitet voran und es gibt einiges zu erzählen, vor allem mit Tanja und Uli hatten wir in den letzten Jahren weniger Kontakt obwohl wir uns auch schon lange aus der Alpenvereinsjugend kennen. So trinke ich an diesem Abend auch etwas mehr vom mitgebrachten Gallo-Nero, der mich selig in meiner Arrest-Zelle einschlafen lässt. Die „Knast- Pritsche“ erweist sich aber als bequemes Bett mit einer komfortablen Matratze.

Wir finden uns am Morgen zeitig zum Frühstück mit den anderen im Gastraum zusammen. Unsere Wanderung am heutigen Tag beginnt direkt vor der Haustür unseres Malakoff- Torhauses. Wir werden heute eine sportliche Runde rund um den Urft- Stausee unternehmen. Vom Gelände der Ordensburg geht es westlich über die Dreiborner Hochfläche mit dem ehemaligen Dorf Wollseifen. Über die Staumauer der Urft-Talsperre hinweg folgen die bewaldeten Höhen der Halbinsel zwischen Urft- und Rursee. In einem nördlichen Bogen erreichen wir die Abtei Mariawald.

Von hier geht es am Nachmittag hinab an den schmalen östlichen Teil der Urft- Talsperre am Zulauf der Urft, wo uns eine moderne Hängebrücke zurück an das Ufer unterhalb des Vogelsang- Komplexes bringt. Mit dem letzten steilen Anstieg zurück zu unserem Quartier werden wir mit etwa 640 aufsummierten Höhenmetern 22,7 Kilometer unter die Sohlen bringen. Das Wetter passt und in der Morgensonne marschieren wir über einen WoMo- Stellplatz, wo uns ein paar dick eingepackte Camper beim „Guten Morgen-Bier“ im Liegestuhl grüßen.

Nach einem Abstieg wendet sich der Weg wieder ansteigend hinauf zur westlich gelegenen Dreiborner Hochfläche, wo wir schon bald den alten Kirchturm von Wollseifen erblicken. Das Dorf wurde nach Ende des zweiten Weltkriegs geräumt, die Einwohner umgesiedelt. Das Gelände wurde zum militärischen Sperrgebiet und auch die Toten des alten Friedhofs von Wollseifen wurden umgebettet. Heute zeugen nur noch die Kirche und das Schulgebäude von dem beschaulichen Dorf, das durch die Nähe zur Ordensburg Vogelsang eine Art Nazi- Vorzeigedorf wurde. Im alten Schulgebäude finden wir eine Ausstellung mit Fotografien aus dieser Zeit. Im kalten Krieg entstanden Häuser auf der Hochfläche, in denen die Soldaten im Häuserkampf ausgebildet wurden.

Im Januar 2006 sind wir erstmalig im Schnee hier hinaufgestiegen, kurz nachdem die belgische Armee das Areal verlassen hat. Damals wurde wegen entsprechender Altlasten vor dem Verlassen der Wege gewarnt, wir finden auch heute noch Warntafeln. Beim Abstieg von der Hochfläche nach Norden blicken wir hinüber zur weitläufigen Anlage von Vogelsang. Oberhalb der Staumauer der Urft- Talsperre haben wir einen schönen Tiefblick, bei dem der zu dieser Jahreszeit eher dürftige Füllungszustand des Stausees ins Auge fällt. Was uns ohne eine spezielle Brille nicht weiter auffällt ist die partielle Sonnenfinsternis, bei der die Sonnenscheibe heute gegen 12 Uhr zu einem Fünftel durch den Mondschatten abgedeckt wird.

Über die Staumauer der ältesten Talsperre der Eifel gelangen wir an das Nordufer zu einem Lokal, wo viele Besucher aus den nahen Benelux- Ländern den herrlichen Tag genießen. Auch hier hat man den Eindruck, dass Bier schon zur Mittagszeit kein Ladenhüter ist. 1905 wurde das Bauwerk zum Aufstau der Urft erbaut und galt zu dieser Zeit auch als größter Staudamm Europas. Unter der Staumauer nach Westen liegt der Obersee, der sich in südlicher Richtung nach Einruhr zur Einmündung der Rur erstreckt. Vom Obersee erstreckt sich hinter dem Staudamm Paulushof bei Rurberg der schiffbare Rursee bis zur Ortschaft Schwammenauel nach Norden.

Nach einer kurzen Brotzeit ist das nächste Ziel auf unserer Runde die Abtei Mariawald. Bei unserer Pfingstfahrt 2017 sind wir von Schwammenauel zum Kermeterufer, dem westlichen Punkt der Halbinsel zwischen Rur- und Urftsee mit dem Schiff gefahren. So sind wir damals aus westlicher Richtung auf den Weg nach Mariawald gestoßen. Damals zu Pfingsten war es recht heiß unter dem schattigen Dach des Buchenwaldes. Am heutigen Tag bleibt es noch recht frisch und die Bäume sind gerade erst dabei zu ergrünen. Am Nachmittag passieren wir einen Soldatenfriedhof, von dem wir die schmucke Abtei vor der Ebene Richtung Zülpich liegen sehen.

1470 stellte der Strohdachdecker Heinrich Fluitter eine Pietà in einem hohlen Baumstamm im Wald von Heimbach auf. Dieser Ort wurde bald zur Pilgerstätte und 1479 wurde eine erste hölzerne Kirche erbaut, die 1480 mit einer Schenkung dem Zisterzienserorden übertragen wurde. Im April 1486 bezogen die ersten Mönche das neu errichtete Kloster Nemus Mariae (Mariawald). 1539 wurde die neue Kirche geweiht, in der die Pietà aus dem hohlen Baumstamm nun in ein kostbares Antwerpener Retabel eingefügt wurde. Mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges begann auch für Mariawald eine schwierige Zeit mit Not und Zerstörung. Eine längere ruhige Phase endete 1795 mit der Übernahme des Klosters durch die französische Revolutionsarmee.

Seit 1861 wurde das Klosterleben durch Brudermönche der elsässischen Trappistenabtei Oelenberg fortgeführt. Der Deutsch/Französische Krieg 1870/71 mit seinem anschließenden Kulturkampf unterbrach den Wiederaufbau und führte zur erneuten Vertreibung der Mönche bis 1887. Auch das 20. Jahrhundert brachte dem Kloster mit den beiden Weltkriegen und insbesondere unter den Nationalsozialisten viel Leid. Bei der Ardennenoffensive wurde das Kloster zum größten Teil zerstört. Nach dem Wiederaufbau der Gebäude Anfang der 1960er Jahre war der Niedergang der Abtei im Jahr 2018 endgültig besiegelt. Die erforderliche Zahl von mindestens 12 Mönchen wurde nicht mehr erreicht, heute ist der Verein „Trappistenkonvent Mariawald“ Eigentümer des Klosters.

In einem richtigen Trappistenkloster wird auch Bier gebraut, heute allerdings nicht mehr in den Klostermauern. Die überlieferten Rezepte der hochprozentigen Triple- Biere wie „Fluitter“ und „Nemus Mariae“ werden nun auswärts gebraut. Wir essen einen Teller Erbsensuppe in dem ehemaligen Speisesaal der Mönche mit dem Charme einer Cafeteria und nehmen uns für den Abend gerne noch eine Flasche Bier mit. Nach einem Blick in die recht karg ausgestattete Klosterkirche machen wir uns am Nachmittag wieder auf den Weg. Das Retabel mit der Pietà wurde 1804 nach der Säkularisierung des Klosters in die Heimbacher Pfarrkirche St. Clemens verbracht und befindet sich heute in der 1981 geweihten Salvatorkirche.

Fast 8 Kilometer beschreibt nun der östliche Bogen unserer Wanderung zurück zur Burg Vogelsang. Dabei verlieren wir gut 170 Höhenmeter runter zum nördlichen Urftufer auf 330 Meter. Eine supermoderne Fußgänger-Hängebrücke bringt uns trocken ans andere Ufer. Der Gegenanstieg zu unserer Unterkunft an den Sportanlagen vorbei zum oberen Burgplateau gibt mir dann noch den Rest. Nach diesem tollen Rundkurs bin ich froh, als wir die Tür zu unserem Basislager aufschließen.

Es ist wieder ein geselliger Abend, den wir zusammen verbringen. Tanja hat sich ein äußerst schmackhaftes „One-Pot“- Nudelgericht mit asiatischer Note überlegt, das wir mit großem Appetit verputzen. Es gibt zum Nachtisch einen leckeren Schokoladenkuchen anlässlich meines Geburtstags vor 3 Tagen. Ganz lieben Dank liebe Tanja!- er war saulecker! Das Triple-Bier bringt es auf 9% Alkoholgehalt und lässt mich nach der heutigen Tour bald in meiner Zelle verschwinden. Ob wir wieder von Zombies belagert werden bekomme ich nicht mehr mit.

Am Sonntag bemüht sich Marc bereits um Rührei für alle als ich mich in der Stube einfinde. Das Wetter bleibt am Morgen hinter den Erwartungen und es hat sogar etwas geregnet. Wir haben länger geschlafen, denn die Beine wollen heute nicht wieder marschieren. So räumen wir nach dem Frühstück zusammen und machen uns auf den Weg das Gelände der Ordensburg genauer zu erkunden. Direkt vor unserer Tür ist ein verbogener Propeller eines P-38 Lightning- Bombers der USAF als Relikt des Bombenkrieges ausgestellt.

Die ehemalige Tankstelle der belgischen Kaserne im Stil der 50er Jahre steht unter Denkmalschutz. Auch das sehenswerte Kino der Kaserne wurde in dieser Zeit gebaut, kann aber wegen der Vorbereitungen zu einem Konzert heute nicht besichtigt werden. Das Schwimmbad am Fuße der Ordensburg stammt noch aus der Erbauungszeit und ist heute wieder dem öffentlichen Schwimmbetrieb zugänglich. Darstellungen von durchtrainierten Burschen im Stil des Nazi-Körperkults sind an den Wänden erhalten geblieben.

Wir besuchen noch zusammen die Daueraustellung des Besucherzentrums und immer wieder bin ich beeindruckt, wie es der NS- Diktatur gelungen ist ein ganzes Volk zu hypnotisieren. Auf Vogelsang versammelte das System seine menschenverachtenden Herrenmensch- Eliten, wobei bereits Kinder in Schule und Familie zu Rassenwahn und Großmachtsfantasien angeleitet wurden.

Eine Rechtsaußen- Partei poltert wieder als zweitgrößte Kraft in unserem Parlament gegen Demokratie und Freiheit, was auch dem allgemeinen Trend unserer europäischen Nachbarländer entspricht. Leute- das kann nicht Euer Ernst sein, dass marodierende Rechtpopulisten wieder unser Schicksal in die Hand nehmen sollen. Der Blick ins Geschichtsbuch informiert darüber was bei Oma und Opa dabei raus kam. Wir sitzen noch etwas beisammen und überlegen, wie es uns wohl ergangen wäre, im perfiden System der Nationalsozialisten.

Am frühen Nachmittag fahren wir nach Hause und machen einen kurzen Zwischenstopp in Düttling bei Heimbach. Hier gibt es einen Hofladen, der seine Produkte in einem Kühlautomaten auch sonntags anbietet. Wir kaufen hier noch ein paar Sachen ein, wie 2 Rumpsteaks und Grillwürstchen vom „Blonde d’Aquitaine“- Rind. Die Adresse haben wir vermerkt, denn am Abend werden wir beim BBQ von der ausgezeichneten Fleischqualität überrascht. Ein krönender Abschluss eines rundum gelungenen Wochenendes.

A. Korbmacher
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