Süd- Norwegen 2006
Ende Juni 2006 unternehmen wir mit unserer Tochter Anne, die am Ende dieser Reise 9 Jahre alt sein wird eine Reise in den Süden Norwegens. Ich erstelle diesen Bericht nun nach 20 Jahren anhand meiner handschriftlichen Aufzeichnungen und Fotos. Nach reichlich Überstunden und dem am Freitagnachmittag angesetzten Sommerfest in Annes Kinderchor beschäftigen wir uns noch bis zum späten Abend mit dem Packen der Sachen für die nächsten drei Wochen. Am Samstag heißt es dann nach dem Aufstehen um 4:00 Uhr Blitzfrühstück und Abfahrt Punkt 5:00 Uhr. Ohne Stau fahren wir die A1 durch bis Hamburg und mit der A7 unter der Elbe hindurch in Richtung Dänemark.

Mit der E45 über Aalborg erreichen wir den Fährhafen in Hirtshals bereits um 14:00 Uhr. Wir haben alle Eventualitäten in Erwägung gezogen und sind nun viel zu früh an der Fähre, denn das Boarding beginnt erst um 22:00 Uhr. Wir vertreiben uns die Zeit bei sommerlichem Wetter an Hafen, Strand und Leuchtturm. Ach ja- um 17:00 Uhr steht Deutschland im Achtelfinale der Fußball-WM, das gegen Schweden mit einem 2:0- Sieg zu Ende geht. Deutsche Fußballfans feiern die WM 2006 im eigenen Land bereits als Sommermärchen. Am Hafen essen wir dann noch etwas, bevor wir um 22:00 Uhr an Bord der Fähre „Traveller“ der Color Lines gehen.

Nach dem Ablegen um 23:00 Uhr schlafen wir so gut es geht im Liegesessel und erreichen den Fährhafen von Larvik am Sonntagmorgen um 8:00 Uhr. Gut 3 Stunden fahren wir nun über die E18 in südwestlicher Richtung nach Kristiansand. In dem netten Ort frühstücken wir einen Burger beim gelben „M“ und nehmen einen Kaffee dazu. Wir sehen uns noch die Burganlage am Hafen an, wo gerade ein Salutschuss mit einer Kanone abgefeuert wird. Entlang von Norwegens Südküste erreichen wir den südlichsten Punkt Norwegens am Lyndesnes-Fyr. Ein Schild gibt vom Leuchtturm eine Entfernung von 2518 Kilometern bis zum nördlichsten Punkt Norwegens am Nordkap an. Wir wollen in diesem Jahr 2026 genau dieses Projekt in Angriff nehmen und 20 Jahre nach dieser Reise, ebenfalls im Juni den nördlichsten Punkt Norwegens anfahren. Ich schreibe diesen Reisebericht daher auch, um uns damit auf den geplanten Trip einzustimmen.

Wir besuchen den hübschen rot-weißen Leuchtturm aus dem Jahr 1915, dessen Linsenapparat aus dem Jahr 1854 den Schiffen auch heute noch bis zu 19,4 Seemeilen (knapp 36 Kilometer) auf das Meer hinaus den Weg weist. Es öffnet sich vom Umlauf des Leuchtfeuers ein toller Blick über die Schärenlandschaft Südnorwegens. Am Parkplatz steht ein Waffel- Verkaufsstand, den Anne sofort ins Visier nimmt. Gut gestärkt kehren wir über die Stichstraße vom Leuchtturm zurück zur E39 und fahren in nordwestlicher Richtung bis nach Ålgård, etwa 20 Kilometer südöstlich von Stavanger. Hier zweigen wir auf die 450/508 in Richtung NO ab, über Oltedal und Høle zur Fähre von Lauvik nach Oanes, einem Ort am Nordufer im Ausgang des Lysefjords. Über die 523 fahren wir nun ein Stück in nördlicher Richtung bis zum Abzweig der Stichstraße zum Wandererheim am Preikestolen, für das wir eine Reservierung für drei Nächte gemacht haben. Die Preikestolenhytta, die wir um 19:00 Uhr erreichen, ist ein einfaches Quartier in einer wunderschönen Landschaft an einem See. Im Gastraum spielen wir nach dem Abendessen noch eine Weile, während draußen die Sonne untergeht.

Am Montagmorgen gibt es ein tolles Frühstück in der Herberge, für die wir mit Frühstück zusammen 100 Euro/ Nacht bezahlen. Das Wetter passt für unser heutiges Vorhaben, den 3,8 Kilometer langen Preikestolen- Trail 336 Höhenmeter hinauf zum Felsplateau des Preikestolen zu machen. Gegen 11:00 Uhr laufen wir los und steigen auf über Felsstufen und Hochmoorgelände bis der Weg in schwindelnder Höhe über dem Lysefjord zunehmend ausgesetzter und schmaler werdend die geräumige Aussichtsplattform des Predigtstuhls erreicht. Annähernd senkrecht, in einer Höhe von 604 Metern über dem Fjord ist der Ausblick von dieser Plattform gigantisch. Wir sind hier nicht allein, denn dieser Fels ist längst ein touristischer Hotspot. Auffällig ist der Spalt, der quer in der Plattform bis in seine Flanke verläuft. Irgendwann wird der Fels in den Fjord stürzen, aber dieses Ereignis lässt hoffentlich noch lange auf sich warten.

Wir steigen auf dem Rückweg zunächst weitere 100 Höhenmeter zum höchsten Punkt des Moslifjells auf 718 Meter. Über die Gletscherschliffe des ehemaligen Lysefjordgletschers, der die Landschaft hier während der letzten Eiszeit geschaffen hat, steigen wir ab durch das Moor Kroģebekkmyra und kehren bald wieder auf den Weg zurück, den wir am Morgen aufgestiegen sind. Um 17:50 Uhr sind wir zurück an unserem Quartier. Es ist Sommer und Anne hat sich fest vorgenommen im See baden zu gehen. Obwohl sie die Wassertemperatur überschätzt hat, hält sie das nicht davon ab einmal komplett unterzutauchen. Nach dem Essen machen wir wieder ein paar Spiele am Tisch im Gastraum. Es ist 6 Tage nach Mittsommer, dem längsten Tag des Jahres, den wir mit unserer Anreise also nur knapp verfehlt haben. So ist es beim Schlafengehen gegen 23:00 Uhr nicht dunkel draußen und beim nächsten Blick aus dem Fenster um 3:00 Uhr bereits taghell.

Am Dienstag ist das Wetter sehr bedeckt und wir schauen uns die Stadt Stavanger an. Wir fahren dafür über die 523 nach Norden bis Tau. Hier verkehrt eine Fährvebindung über die Inseln Sør- Hidle und Heng, wofür wir umgerechnet 22 Euro bezahlen. In der Stadt schauen wir in die romanische Domkirche aus dem Jahr 1125 hinein. Wir kaufen an einem Obststand Kirschen und Erdbeeren, die wir vor der Kirche verputzen. Am Fischmarkt vorbei wenden wir uns dem alten Stadtteil Gamle Stavanger zu. Völlig grotesk wirkt die Kulisse des gigantischen Kreuzfahrtschiffs Lirica aus Panama am Hafen, das die alten Holzhäuser wie ein Hochhaus überragt. Wir sehen uns das Norsk Hermetikkmuseum an. In dieser Fabrik wurde von 1880 bis 1960 Fisch in Handarbeit verarbeitet und in Dosen verpackt. Im Museumsbetrieb werden die Maschinen heute noch gelegentlich in Betrieb genommen.

In Stavanger findet gerade das Swatch- Beachvolleyball World Tour- Grand Slam- Turnier statt. Wir schauen den Norwegerinnen bei einem Vorrundenspiel zu. Am Fischmarkt essen wir leckere Fish & Chips und nach einer Runde durch die Innenstadt gibt es in einem Einkaufszentrum auch noch Kaffee und Kuchen. Bei der Rückfahrt zu unserem Quartier fahren wir gegen 18:00 Uhr nach Süden mit der E39 nach Ålgård, von wo wir die bereits bekannte Strecke bis zur Fähre von Lauvik nach Oanes nehmen. Bevor wir den Tag beschließen wechseln wir nördlich von Oanes mit der Lysefjord- Brücke an das südöstliche Ufer des Fjords und fahren ein ganzes Stück entlang der abenteuerlichen Straße in den Fjord hinein. Vom Gegenufer blicken wir auf die hohen Klippen über dem Fjord, wo wir im Nebel den Preikestolen nur erahnen können. Wir kehren um und fahren über die Hängebrücke zurück auf die andere Fjordseite und weiter zu unserer Hytta. Nach dem Abendessen wird auch heute noch gespielt.

Am Mittwoch verlassen wir nach dem Frühstück unser Quartier am Lysefjord gegen 11:00 Uhr. Beim Checkout erfahren wir, dass hier zukünftig eine Lodge entstehen wird. Entlang der Fjordküste fahren wir über die 523 Nord und in Tau auf die 13, die uns an Fjorden und Seen vorbei zur Fähre von Hjemelandsvågen nach Nesvik und weiter über Sand nach Hara bringt. Nach Durchfahrung des gut fünf Kilometer langen Rødalstunnels öffnet sich der Blick auf die in etwa 1500 Meter Höhe liegenden Gletscher des Folgefonna- Nationalparks. In Odda kaufen wir etwas ein und fahren am Sørfjord, einem Seitenarm des Hardangerfjords bis Lofthus. Wir kommen am Låtefossen- Zwillingswasserfall vorbei, der mit einer Fallhöhe von 165 Metern das steinerne Viadukt der Straße unterfließt. Die Sonne scheint, es ist wunderbar warm und hinter Lofthus finden wir direkt am Fjord einen schönen Campingplatz, auf dem wir unser Zelt aufbauen. An dem riesigen, erntereifen Kirschbaum steht eine Leiter als Einladung einige der süßen, saftigen Früchte zu ernten. Aus dieser Gegend, so erfahren wir kommen 60% der gesamten Pflaumen- und 80% der Kirschernte Norwegens. Es ist ein herrlicher Nachtisch nach einem kleinen BBQ an unserem Zelt in dieser großartigen Landschaft.

Am Donnerstag betrachten wir den Wasserfall Skrikjofoss, der sich aus einer Höhe von 1000 Metern aus dem oberhalb gelegenen Nationalpark Hardangervidda von einer hohen Felswand zu Tal stürzt. Wir räumen nach dem Frühstück zusammen und machen uns erst gegen 12:00 Uhr auf den mit gut drei Stunden angegebenen Weg mit der Bezeichnung „Nosi“. Der ambitionierte Aufstieg führt uns durchgehend steil 950 Höhenmeter hinauf zu einer Felsnase. Teilweise gehen wir über Treppenstufen aus Felsplatten, die auch Mönchstreppe genannt werden. Tatsächlich sollen diese im Mittelalter von Mönchen angelegt worden sein. Es ist sehr warm und wir werden ordentlich von Plagegeistern wie Pferdebremsen heimgesucht. Ich bin beeindruckt von der Größe der Biester und Anne ist überhaupt nicht erfreut über die lästigen Attacken.

Die Mühe lohnt sich und mit dem Erreichen der Oberkante der Felswand nach etwa 3,5 Stunden, an der sich der Rjukandefoss in den Fjord ergießt, öffnet sich der Blick in die weite Hardangervidda nach Osten und westwärts über den Sørfjord hinweg auf den Folgefonna- NP. Der benachbarte Skrikjofoss, der schreiende Wasserfall stürzt mit einer Fallhöhe von 650 Metern in den Fjord. 2000 Rentiere leben auf der Hochebene der Hardangervidda. Es ist eine wunderschöne Landschaft, in der wir noch eine kleine Runde machen und auf den warmen Felsplatten an den rauschenden Wassern lange Pausen machen. So machen wir uns auch erst gegen 18:00 Uhr auf den Rückweg und erreichen den Zeltplatz gegen 20:00 Uhr, zu spät zum einkaufen. Wir kochen aus den Vorräten ein paar Nudeln und gehen danach schlafen. Sehr ungewohnt ist es, in den Schlaf zu kommen, wenn es draußen noch hell ist.

Am Freitag begeht Dorothee ihren 42. Geburtstag und wir kommen nach dem Zeltabbau erst gegen 11:00 Uhr los. Die 13 Nord bringt uns nach Brimnes und dann über die 7 in östlicher Richtung über Eidfjord zwischen Hallingskarvet- NP und Hardangervidda an den Vøringsfoss. Am Aussichtspunkt an der Straße am Fossli Hotel ist man nicht einsam. Hier ist reichlich Rummel, Busse entladen Touristengruppen und Verkaufsstände bieten Souvenirs, auch in Form von Rentierfellen. Wir fahren wieder zurück bis Brimnes, wo uns die Fähre über den Hardangerfjord nach Bruravik bringt. Diese Fähre ist heute Geschichte, denn im August 2013 wurde hier westlich von Brimnes eine Brücke über den Fjord eröffnet. Zurück auf der 13 nehmen wir wieder Nordkurs auf über Granvin und durch den 7,4 Kilometer langen Tunsbergtunnelen weiter über Voss nach Vinje. Von hier fahren wir über eine Passstraße hinauf in das Skigebiet Myrkdalen Fjellandsby. An der Passhöhe, auf 986 Metern vergnügt sich Anne im Sommerkleidchen und mit Sandalen auf den noch vorhandenen Schneeflecken auf der Hochebene. Es geht durch großartige Landschaft, wir treffen Schafe an der Straße und halten an einem Aussichtspunkt mit Blick auf den Sognefjord.

Steil geht es nun wieder hinunter auf Fjordlevel in den hübschen Ort Vikøyri, wo wir auf unsere erste Stabkirche in Norwegen stoßen. Es ist die Stabkirche Hopperstad, eine der ältesten mittelalterlichen Holzkirchen Norwegens von 1130 n.Chr. Die mehrstöckige pagodenartige Bauweise und die Drachenköpfe an den Dachfirsten wecken Assoziationen mit den Langbooten der Wikinger. Was ist das Geheimnis der Baumeister dieser Holzkirchen, die fast 900 Jahre nach ihrer Erbauung in den rauhen Landschaften Skandinaviens Wind und Wetter trotzen? Wir erreichen über die 13 Nord den Fähranleger in Vangsnes und setzen von hier nach Hella über. Auch auf dem Fjord öffnen sich großartige Rundblicke auf Berge, Gletscher und Wasserfälle. Am Sognefjord entlang fahren wir bis hinter Sogndal und bauen auf dem Kjørnes- Campingplatz unser Zelt mit Fjordblick für zwei Nächte auf. Wir haben ein Mini- TV Gerät dabei und verfolgen das Viertelfinale der Fußball-WM Deutschland gegen Argentinien, das mit einem 1:1 ins Elfmeterschießen geht. Deutschland kann das Duell mit 5:3 für sich verbuchen. Danach lassen wir Doros Geburtstag noch mit einem kleinen BBQ ausklingen.

Am Samstag fahren wir erst gegen 11 Uhr über die 5 in südöstlicher Richtung über Kaupanger an den Fähranleger von Manheller, von wo wir über den Sognefjord nach Fodnes gelangen. Über die 5 gelangen wir in Tønjum an die E16, der wir weiter ostwärts folgen. In Fahrtrichtung Süd erstreckt sich über eine Gesamtstrecke von 24,51 Kilometern der im Jahr 2000 eröffnete Lærdalstunnelen. Dieser Tunnel schafft mit der E16 eine wetterunabhängige Verbindung zwischen Oslo und Bergen. Mit dieser enormen Distanz ist der Tunnel bis heute der längste Straßentunnel der Welt. Wir fahren nicht durch den Tunnel, denn in östlicher Richtung ist unser nächster Stopp in Borgund. Hier besuchen wir ebenfalls eine Stabkirche vom Ende des 13. Jahrhunderts, die sich noch weitestgehend im Originalzustand befindet. Einst gab es in Norwegen über 1000 dieser Kirchen, heute sind es nur noch 28, allesamt im Südwesten des Landes.

Unbedingt wollen wir uns aber heute noch die älteste Stabkirche mit ihrem Ursprung im 11. Jahrhundert ansehen. Diese befindet sich nördlich an einem Seitenarm des Sognefjords, dem Lustrafjord. Wir folgen der E16 in nordöstlicher Richtung nach Tyinkrysset und fahren weiter über die 53 nach Øvre Årdal. Von hier bringt uns die mautpflichtige Tindevegen Pass- Straße (25 NOK=3,50 €) mit Nordkurs bis auf eine Höhe von über 1300 Höhenmetern. Es ist eine großartige Panoramastraße mit Blicken auf die Bergkette mit dem dritthöchsten Berg Norwegens, dem Store Skagastølstind 2405m. Nach Norden erreichen wir Turtagrø, wo die 55 uns nun an den Nordzipfel des Lustrafjords bringt.

Am Ostufer des Fjords erreichen wir nach Süden die Stabkirche Urnes an der Ortschaft Ornes. Es ist 17:30 Uhr und die Kirche hat bereits geschlossen. Wir können das historische Gebäude so leider nur von außen anschauen, es ist aber ein wunderschöner und zu dieser späten Stunde auch einsamer Ort, an dem wir gerne etwas verweilen. Leider müssen wir danach auch den Plan aufgeben über den Fjord mit der Fähre nach Solvorn überzusetzen. Der 18:00 Uhr Fähre können wir vom Anleger nur noch hinterher schauen, denn zurück kommt sie heute nicht mehr. Zu unserem in Luftlinie nahen Camp in Sogndal verlängert sich die Rückfahrt nun um die nördliche Umrundung des Lustrafjords.

Am Sonntag haben wir den Wecker auf 8:00 Uhr gestellt und fahren über die 5 nordwärts durch den 6 Kilometer langen Frudalstunnelen, an dessen Ende wir von einem Aussichtspunkt Blick auf den Fjærlandsfjord haben. Danach geht es noch einmal 2590 Meter durch den Bergstunnelen nach Fjærland, wo wir in das Norsk Bremuseum hineinschauen. Das Gletschermuseum befindet sich in dem tiefen Talkessel des Fjærlandfjords, über dem wir die Seracs der talwärts schiebenden Gletscher sehen. Nach Norden durchfahren wir gleich eine Serie von Tunneln, wie den Fjærlands-, Stølsnes- und Kjøsnestunnelen nach Skei am Nordrand des Jølstavatnet. Über die E39 setzen wir unsere Fahrt mit Nordkurs bis Byrkjelo fort. Hier verlassen wir die Europastraße auf die kleinere 60, die uns nach Utvik am Südufer des Innvikfjords führt. In östlicher Richtung erreichen wir Olden, wo ein Kreuzfahrtschiff am Anleger liegt. Hier gehen wir etwas einkaufen und mieten ein Stück südlich für die nächsten zwei Nächte eine Hütte auf dem Campingplatz Løken am hübschen See Floen. Wir richten uns ein und Anne geht natürlich noch schwimmen in dem eiskalten Wasser. Wir befinden uns am nordwestlichen Rand des Jostedalsbreen- NP mit den größten Gletschern des europäischen Festlands.

Am Montag gehe ich um 8:00 Uhr laufen, denn ich habe in diesem Jahr meinen ersten Marathon auf der Agenda. Vor zwei Jahren hat sich im Kreis von Kollegen und Kolleginnen eine Laufgruppe gebildet. Die Teilnahme an zwei Volksläufen und Halbmarathons mit vorzeigbaren Zeiten haben bei mir dann doch den Wunsch geweckt das Ganze auf Marathondistanz auszudehnen. Hier, in dem schönen Tal und den großartigen Landschaften Norwegens habe ich die nötige Motivation daran zu arbeiten. Am langestreckten See Oldevatnet entlang fahren wir danach zum südlichen Talschluss nach Briksdalsbre. Mit einem gut einstündigen Aufstieg laufen wir zu einem der mächtigen Gletscherabbrüche des Jostedalsbreen, in dessen Gletschersee einige kleine Eisberge schwimmen. Elektrofahrzeuge ermöglichen es auch fußlahmen Besuchern hier hinauf zu gelangen.

Eine asiatische Reisegruppe, ich mutmaße mal vom Kreuzfahrtschiff nutzen diese Aufstiegshilfe. Ich beobachte ein paar aufgeregte Damen, die begeistert einen Brocken Gletschereis am Seeufer anfassen. Man kann eine Runde mit Steigeisen auf dem Gletscher buchen, eine russische Gruppe läuft mit Flip-Flops auf dem Gletscher herum, ungeachtet der tödlichen Gefahr bei einem Ausrutscher in eine der Spalten zu stürzen. Einer französischen Gruppe sehen wir beim Eisklettern in einer tiefen Spalte zu. Bei all dem Treiben ist es an diesem sonnigen Nachmittag ein großartiger Ort zum verweilen. Es bewölkt sich zunehmend, entlang tosender Wasserfälle kehren wir zurück zum Parkplatz und fahren etwas einkaufen. Ein Gewitter zieht durch und in der Hütte machen wir die Heizung an. Wir haben im Supermarkt eine Angelrute gekauft, die wir noch erfolglos ausprobieren. Nach dem Essen spielen wir drinnen wieder mitgebrachte Karten- und Würfelspiele.

Der Dienstag beginnt recht trübe und die Berge sind verhangen, bis sich an unserem See langsam die Sonne behauptet. Ich wage mich heute auch ins Wasser, unter anderem um den Schwimmer unserer Angel zu bergen. Bei dem gestrigen Versuch einen Fisch aus dem See zu ziehen ist mir die Leine gerissen. Der „Mordsfisch“ stellt sich heute allerdings als Verhänger an einem Stein heraus. Wir haben lange geschlafen und verbringen den Tag nach dem Frühstück mit Angeln und Baden. Um 15 Uhr steige ich mit Doro zu einer einer höher gelegenen Hütte auf, von der wir gegen 17 Uhr wieder zurück sind. Die Forellen im See haben sich offensichtlich köstlich über unsere dilettantischen Angelversuche amüsiert. Wir grillen etwas Fisch aus dem Supermarkt am Seeufer, hinter dem sich die Berge jetzt wolkenlos präsentieren. Um 21 Uhr schalten wir den Fernseher in der Hütte ein. Deutschland steht im WM- Halbfinale mit Italien und versiebt es mit einem 0:2 in den letzten Minuten der Nachspielzeit.

Am Mittwoch setzen wir unsere Reise fort und obwohl ich noch eine Runde gelaufen bin, ist das Auto nach dem Frühstück um 10:15 Uhr fertig zur Abfahrt. Leider verlassen wir unsere Hütte an diesem schönen See in Løken und folgen nun der 60 von Olden weiter an das Nordufer des Innvikfjords nach Stryn. Mit der 15 NW erreichen wir vor Grodås am Hornindalsvatnet wieder die E39, die wir allerdings über die 60 Nordost nach Hellesylt wieder verlassen. Wir sind um 11:30 in Hellesylt und wollen hier mit dem Fährschiff den berühmten Geiranger- Fjord bis Geiranger befahren. Das nächste Schiff fährt allerdings erst um 12:30 Uhr, so nutze ich die Zeit und kaufe mir in einem Outlet einen Wollpullover, den ich bis heute zu meinen Lieblingspullovern zähle. Die Durchfahrt durch den Geiranger- Fjord gilt als eines der Landschafts- Highlights Norwegens. Der Fjord schlängelt sich in WO- Richtung entlang steiler Felswände und spektakulärer Wasserfälle wie den „Sieben Schwestern“ durch eine fantastische Hochgebirgslandschaft. Gelegentlich sehen wir Höfe an den exponierten Berghängen. Am Ende des Fjords füllt der Schornstein eines Kreuzfahrtschiffs den Fjord mit einer Dunstglocke aus Abgasen. Es ist kein schöner Anblick und ein Umweltproblem, gegen das es in Norwegen zukünftig strengere Auflagen geben wird.

Die 63, die mich nun als „Adlerstraße“ mit einem serpentinenreichen Aufstieg von über 1000 Höhenmetern begeistert, bietet einen Tiefblick zurück auf den Geirangerfjord und vom Aussichtspunkt Dalsnibba auf 1500m auf die nördlichen Gletschergebiete des Jostedalsbreen-NP. Hier oben treffen wir auf eine Herde von Rentieren, die 63 führt uns in östlicher Richtung hinunter in das Breidalen-Tal, wo wir nun auf der 15 an einigen Seen und Campingplätzen entlang mit der Suche nach einem Nachtquartier beginnen. Es sind zwar recht große Campingplätze, an denen wir wegen der unzähligen weißen Kisten auf Rädern aber erst einmal vorbei fahren. In Skjåk fahren wir den Campingplatz Gjeilo- Camping an, wo man auch Hütten mieten kann. Wir erhalten ein nettes Angebot und mieten für zwei Nächte eine geräumige, hübsche Ferienwohnung zum Preis einer Mini- Hütte für 250 NOK (35€/Nacht). Während wir uns in dem Blockhaus einrichten gewittert es etwas ohne Niederschlag. Wir grillen zum Abendessen und machen danach noch ein Spiel in unserer gemütlichen Stube.

Wir haben gut geschlafen in unseren Betten und stehen am Donnerstagmorgen um 8:00 Uhr mit dem Wecker auf. Um 9:15 Uhr brechen wir auf und fahren über Lom auf die 55 Süd bis zum Abzweig einer Mautstraße, über die wir nach Leirvassbu im Jotunheimen-NP fahren. Hier parken wir an einem Hotel am Leirvatnet und machen uns an eine Wanderung zum Berg „Kyrkja“, einem markanten Gipfel mit einer Höhe von 2032 Metern. Im Rother-Wanderführer Norwegen Süd ist es Tour 28, die hin und zurück mit je zwei Stunden angegeben ist. Um 11:00 Uhr gehen wir los und finden den Weg nicht wie beschrieben vor. Wir steigen über einen Felsgrat südlich des Sees auf bis zum Südsattel der Kyrkja auf etwa 1755 Meter. Anne und Doro wollen hier auf mich warten und so mache ich mich allein an den Aufstieg der etwa 300 Höhenmeter bis zum Gipfel. Es ist im Gipfelbereich schon ein ausgesetztes Klettergelände, der Ausblick auf die umliegenden Berge des Jotunheimen- NP ist absolut grandios. Für die Aktion brauche ich etwa 75 Minuten bis ich zu Anne und Doro zurückkehre.

Eigentlich wollen wir nun direkt am Ufer, wieder südlich um den See zurückgehen. Die Wegmarkierungen geleiten uns aber am östlichen Ufer entlang nach Norden. Wir entscheiden uns daher mit einer nördlichen Umrundung des Sees zum Startpunkt zurückzukehren. Das blockige Gelände ist allerdings recht anstrengend und ein breiter Bach stellt uns vor das Problem trockenen Fußes hinüber zu kommen. Wir entscheiden die Schuhe auszuziehen und durch das schmerzhaft kalte Wasser zu waten. Bald tauchen Wegmarkierungen auf, die uns wieder auf den Weg leiten, der uns nördlich um den See gegen 18:00 Uhr zurück zum Auto bringt, wo ergiebiger Regen einsetzt. Leider sind wir von Süden in der Verlängerung der Tindevegen- Pass-Straße von Turtagrø nicht weiter über die Sognefellsvegen- Straße mit der Nummer 55 nach Lom gefahren. Dieser nördliche Teil soll über einen der schönsten Pässe führen. Auf der Rückfahrt kommen wir in Bøverdalen noch an der Elvesæter Sagensäule vorbei. Die 34 Meter hohe Säule wurde 1992 mit Darstellungen und Reliefs des Künstlers Wilhelm Rasmussen (1879-1965) errichtet und erzählt beginnend mit König Harald 872 die Geschichte Norwegens bis zur ersten Nationalversammlung 1814 in Eidsvoll.

Am Freitagmorgen heißt es wieder Auto packen und Abschied nehmen von unserem gemütlichen Blockhaus und der freundlichen Vermieterin. In Lom scheint am Morgen beim Besuch der Stabkirche aus dem 12.Jahrhundert wieder die Sonne. Trotz des gestrigen Regens wird der Rasen vor der Kirche mit einem Rasensprenger befeuchtet und Anne hat einen Heidenspaß immer wieder durch die Regenfontäne zu rennen. Über die 15 Ost fahren wir bis Randen und zweigen auf die 51 Süd ab. Am Ostrand des Jotunheimen-NP fahren wir wieder durch eine weitläufige Hochgebirgslandschaft mit Passhöhen von 1390 und 1166 Höhenmetern bis zur Ortschaft Hegge mit seiner Stabkirche. Sie wurde zwar 1180 errichtet, erfuhr aber Umbauten unter Erhaltung alter Anteile.

Wir folgen der 51 weiter nach Fagernes am Ostende des Strondafjords im Valdrestal. Auf den großen Campingplätzen sind sie wieder, weiße Kisten in Reih und Glied, zwischen denen wir unser Zelt nicht aufbauen möchten. Wir fahren ein Stück am Nordufer des Strondafjords entlang und finden unser Paradies für die nächsten 3 Tage. Unterhalb der E16 erstreckt sich eine weitläufige Wiese mit insgesamt 17 Hütten direkt am Ufer des Fjords. Westlich blicken wir auf die Strand Kyrkje, auch eine Bushaltestelle an der Hauptstraße heißt so. Der Fjord, der eigentlich heute ein See ist lädt bei sommerlichen Temperaturen zum Bad ein. Das Wasser ist sehr erfrischend, aber erträglich und wenn man erst einmal drin ist wunderbar. Auch heute wird gegrillt und da es beim Spielen einfach nicht dunkel werden will kommen wir wieder nicht vor Null Uhr ins Bett.

Am Samstag beginne ich um 8:00h mein Lauftraining entlang des Fjords, danach verbringen wir den Vormittag an unserem herrlichen Strand mit baden und lesen. Wir dürfen das Boot am Anleger benutzen und zusammen mit Anne versuche ich noch einmal die Sache mit dem Angeln. Von passionierten Anglern werde ich mir später die Frage gefallen lassen müssen wie es sein kann, dass man in Norwegen keinen Fisch gefangen hat- ich weiß es nicht- vielleicht waren sie einfach gerade nicht da… Wie auch immer, wir genießen unseren Bootsausflug und den Sommertag. Am Mittag fahren wir nach Fagernes, wo wir das Folklore- und Freilichtmuseum besuchen. Liebevoll eingerichtete, typische Häuser der letzten Jahrhunderte geben Einblicke in das harte traditionelle Leben auf den Höfen. Anne stellt sich unter Anleitung aus einem Stück Leder einen Geldbeutel her. Wir lassen uns hier in eine heilsam entschleunigte, analoge Welt mit ein wenig „Bullerbü“- Charme entführen.

Das Wetter am Sonntag ist bedeckt und es hat nachts sogar etwas geregnet. Ich laufe heute Morgen ein Stück Richtung Fagernes und suche mir dann über eine Schotterstraße einen Rückweg über ein paar Bauernhöfe am Hang zurück zu unserem Camp. Bei meiner Rückkehr nach 90 Minuten meldet sich die Sonne zurück. Nach einem Bad im See wird gefrühstückt, allerdings bewölkt es sich wieder zunehmend, nach einem sonnigen Badetag sieht es für heute nicht mehr aus. Wir fahren über die E16 am Nordufer des Strondafjords und des angrenzenden Slidrefjords in nordwestlicher Richtung nach Lomen. Hier besuchen wir die kleine Stabkirche aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Bei archäologischen Grabungen wurden Schmuck und Münzen aus der Entstehungszeit gefunden. In der Kirche befindet sich eine Holzkiste aus der Wikingerzeit um 300 n.Chr. und die Kopie eines mittelalterlichen Marienkopfes. Eine weitere kleine Stabkirche aus der gleichen Zeit befindet sich etwas weiter nordwestlich in Høre. Hier finden leider Bauarbeiten statt, so dass wir weder das Innere der Kirche, noch den Runenstein sehen, der eine geschichtliche Einordnung zulässt. Da heißt es: „In diesem Sommer, als die Brüder Erling und Audun die Bäume für diese Kirche fällten, fiel Earl Erling in Nidaros“. Der norwegische Häuptling Erling „Shakke“ Ormsson fiel 1179 in der Schlacht von Kalvskinn in Trondheim. Die Stadt Trondheim wurde 997 als Nidaros gegründet.

Auf dem Rückweg nach Fagernes fahren wir noch zu einem Gräberfeld oberhalb von Slidre. Der Einangstein, einer der ältesten Runensteine Europas befindet sich hier auf dem Gräberfeld von Gardberg. Hier wurden Gegenstände seit der Bronzezeit und auch der Einangstein gefunden. Die Inschrift gibt Rätsel auf, da heißt es: „Ich Godegast malte eine Rune“. Wir fahren nach Røn, wo wir zwischen den Fjorden über eine Brücke an das West- Ufer des Slidrefjords wechseln. Nördlich von Røn befindet sich die Ruine der kleinen Steinkirche von Mo. Vermutlich baute sich der Gutsherr von Mo 1215 hier seine Privatkirche. Auf dem archäologisch aufgearbeiteten Gelände wurden viele Münzen seit 1177, sowie Gegenstände und Grabsteine aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Die hier und auf dem Gräberfeld von Gardberg gefundenen Gegenstände befinden sich im Valdres Museum in Fagernes, was ich jetzt erst bei meinen Recherchen zu dieser Reise erfahre. Wir fahren auf der Suche nach einer schönen Aussicht auf das Valdrestal noch hinauf auf die Höhen über abenteuerliche Mautstraßen (Bomwege) und erreichen eine Hochfläche, von der wir dann wieder nach Røn und danach zu unserem Camp zurückkehren. Wir grillen Fisch und Garnelen an unserer Hütte. Leider regnet es wieder und wir schalten sogar die Heizung in der Hütte an. Es ist im Tourenbuch nicht erwähnt, aber an diesem Abend fällt die Entscheidung der Fußball WM 2006 in Berlin. Italien besiegt Frankreich mit 5:3 im Elfmeterschießen.

Am Montag beginnt unsere dritte Urlaubswoche nach dem Frühstück mit dem Ausräumen der Hütte an unserem schönen Fjordufer. Wir hatten hier ein paar sehr schöne Tage, um 10:30 Uhr fahren wir nach Fagernes und kaufen ein. Wir folgen wieder der E16 Ost bis Leira und biegen dann mit Kurs Süd auf die 51 bis Gol ab. In Gol gibt es eine dreistöckige Stabkirche mit Turmaufbau. Was wir hier aber vorfinden ist eine Kopie der Kirche, deren Original vom Beginn des 13. Jahrhunderts 1884 zerlegt und im Norsk Folkemuseum auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo nach dem Vorbild der Stabkirche von Borgund wiederaufgebaut und rekonstruiert wurde. Grund für den Standortwechsel war der geplante Abriss der Kirche in den 1870er Jahren. Mit der Annahme des Christentums wurden die ersten Holzkirchen bereits im 10.Jahrhundert in Norwegen errichtet. Mit der Verarbeitung von Fichtenholz kannten sich die Wikinger aus und wussten welches Holz, wann gefällt, wie verarbeitet und in welcher Bauweise eingesetzt so widerstandsfähig ist, dass einige Konstruktionen die letzten 900 Jahre überdauert haben.

Aber auch der Nachbau in Gol macht einen guten Eindruck, 10 lokale Handwerker haben 10 Jahre lang an der Kirche gebaut und sie wurde 1994 geweiht. Ob der Bau, für den regionale Hölzer verwendet wurden auch in 800 Jahren noch steht? In Gol füllen wir den Tank auf, den wir fast bis auf den letzten Tropfen leer gefahren haben. Kaffee, Kuchen und Eis steht an, bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Es geht über die 7 Ost bis Børtnes, wo wir auf die 287 abzweigen. Die Straße bringt uns in das Skigebiet von Haglebu, wo uns eine geschotterte Mautstraße in südwestlicher Richtung durch eine idyllische Wald- und Seenlandschaft auf die 40 Süd am Norefjord entlang nach Nore bringt. Auch in Nore gibt es eine Stabkirche mit einer Datierung, die auf das 12.Jahrhundert zurückgeht. Mit einigen Umbauten im 17. und 18. Jahrhundert ist die hübsche Kirche leider nicht im historischen Original erhalten. Restauratoren der Uni-Oslo arbeiten hier an der Innen-Ausmalung und empfehlen uns auch den Besuch der Stabkirchen von Torpo an der 7 und von Uvdal an der 40. An beiden sind wir leider schon vorbei, es ist 17:00 Uhr und langsam müssen wir uns auch Gedanken über unser nächstes Nachtlager machen.

Über die 40 Süd geht es weiter bis zum Abzweig auf die 37 West vor Kongsberg, mit der wir uns auf der Karte noch einmal weit in westlicher Richtung bis nach Gransherad bewegen. Über die 361 Süd und die E134 Ost erreichen wir Heddal im Osten der Provinz Telemark. Hier steht die größte der hölzernen – Pagoden des Nordens, die Stabkirche von Heddal aus dem 13. Jahrhundert, auf die wir in der warmen Abendsonne nur noch einen Blick von außen werfen. Der Campingplatz etwas weiter südlich in Notodden hat eine Zeltwiese, aber leider keine Hytta verfügbar. Es ist die letzte Übernachtung vor Oslo, wo wir uns ab morgen in der Jugendherberge einquartiert haben. Heute stellen wir also noch einmal unser Zelt auf, direkt neben einem Lager fahrender Leute. Der Campingplatz bietet eine ordentliche Infrastruktur und liegt direkt neben der Landebahn eines kleinen Flughafens mit wenig Flugverkehr. Wir schlafen gut in unserem Zelt nach diesem tollen, sonnigen Tag.

Am Dienstagmorgen prasseln Regentropfen auf unser Zelt und wir frühstücken um 8:00 Uhr im Nieselregen. Nachdem wir das nasse Zelt abgebaut haben fahren wir noch einmal nach Heddal, wo wir uns nun noch die Stabkirche im Innern ansehen wollen. Eine Runeninschrift im Südportal lässt auf die Weihung der Kirche im Jahr 1242 schließen. Hier wurden Veränderungen aus dem 19. Jahrhundert, im 20. Jahrhundert anhand alter Zeichnungen zurückgebaut. Kunstvolle Schnitzereien, Wandgemälde und ein Bischofsstuhl aus dem 12. Jahrhundert gibt es im Inneren zu sehen. Über die E 134 Ost gelangen wir nach Drammen südwestlich von Oslo, von hier bringt uns die E18 ins Zentrum der Hauptstadt, wo wir zunächst die Jugendherberge Holtekielen im westlichen Stadtteil Stabekk aufsuchen.

Wir checken ein und bekommen ein geräumiges Dreibettzimmer, in dem wir unser Zelt zum Trocknen aufhängen können. Wir melden uns telefonisch bei Familie Schröder, die ihren Norwegen- Trip mit ihren Kindern Lasse und Laura in Oslo beginnen. Lasse und Laura sind Annes Klassenkameraden in der Grundschule und wir treffen uns am Schiffsanleger hinter dem Rathaus. Von hier laufen wir entlang der Seaside von der Festung Akershus zur Aker Brygge und wieder zurück, wobei die Kinder sich ordentlich austoben. In der Klingenberggata am Rathaus gehen wir in der Pizzeria „Angelos“ zusammen essen. Zum Nachtisch gibt es noch ein Eis am Johanne Dybwads- Platz am Nationaltheater. Der Bus 151 bringt uns von der Frederiksgata zurück zur Jugendherberge nach Stabekk.

Mittwochmorgen frühstücken wir um 8:00 Uhr in der Jugendherberge und machen uns zeitig auf den Weg ins Zentrum. Um 10:00 Uhr haben wir uns mit Norbert, Susanne und ihren Kindern auf dem Rathausplatz verabredet. Vom Schiffsanleger Rådhusbrygge setzen wir über zur Museumshalbinsel Bygdøy, mit seinen zahlreichen Museen. Wir beginnen mit dem Fram- Museum, das umfangreich über die Polarfahrten der Polar- Pioniere Fridtjof Nansen und Roald Amundsen berichtet. Als Polarschiff mit besonders stabiler Rumpfkonstruktion brachte die Fram Nansen in die nördliche Polarregion, wo er 1895 nahe an den geografischen Nordpol gelangte, aber eben nur nahe. 1911 brachte es Amundsen in die südliche Polarregion, wo er mit seiner Expedition am 14. Dezember 1911 den geografischen Südpol erreichte. Im Außenbereich befindet sich die Gjøa, das Schiff mit dem Amundsen bereits 1906 die erste Nordwestpassage gelang. In Zeiten der Klimaerwärmung verschwindet das Packeis der Polarregion zunehmend, wodurch die Befahrung der Nordwestpassage möglicherweise schon bald problemlos möglich sein wird.

Direkt benachbart befindet sich das Kon-Tiki- Museum, das Exponate rund um die Expeditionen Thor Heyerdahls zeigt. Mit den hier ausgestellten Balsa- und Schilfflößen Kon-Tiki und Ra II brach Heyerdahl zu gewagten Abenteuern auf. Er konnte 1947 mit der Kon-Tiki nachweisen, dass die Besiedlung Polynesiens durch präkolumbianische Indianer aus Südamerika auch gegen den Humboldtstrom und den Passatwind technisch möglich gewesen sein kann. Diese Theorie Heyerdahls wurde allerdings durch spätere genomische Untersuchungen entkräftet. Der Abenteurer versuchte auch mit dem Papyrusboot Ra II von Marokko aus den nordamerikanischen Kontinent zu erreichen. Diese Form der experimentellen Archäologie waren das Markenzeichen des Forschungsreisenden, Wissenschaftlers und Umweltaktivisten Thor Heyerdahl (1914-2002).

Absolutes Highlight der Museumsinsel ist das Wikingerschiff- Museum mit seinen Wikingerschiffen aus dem 9. Jahrhundert, das wir auf der Insel mit dem Bus erreichen. Das berühmteste der ausgestellten Schiffe ist das Osebergschiff, das 1904 unter einem Grabhügel gefunden wurde. Der Grabhügel befand sich auf dem Gelände des Oseberg- Hofs am westlichen Ufer des Oslo- Fjords. Hinter dem Mast fand man zwei Frauengebeine, die mit dem Schiff beigesetzt wurden. Es ist der reichste und wichtigste Fund aus der Wikingerzeit nach den Funden des Tune-Schiffs 1867 und dem Gokstad-Schiff 1870, die ebenfalls hier ausgestellt sind. Die Eichen für den Bau des 22 Meter langen und 5 Meter breiten Schiffs wurden im Jahr 820 gefällt.

Wer die Frauen im hohen Lebensalter waren konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Bei der älteren Frau konnten medizinische Diagnosen und Krebs als Todesursache gefunden werden, womit der älteste Tumornachweis Norwegens gelang. Neben zahlreichen Grabbeigaben fand man einen kunstvollen vierrädrigen Wagen, bisher der Einzige aus der Wikingerzeit. Untersuchungen konnten zeigen dass die jüngere Frau wohl als Sklavin aus dem Schwarzmeerraum (heutiger Iran) stammte. Ob es sich bei der älteren Frau um Königin Åsa aus dem Geschlecht der Ynglinger (Mutter von Halfdan dem Schwarzen und Großmutter von Harald „Schönhaar“) handelt konnte nicht geklärt werden. Indizien bezüglich der Grabbeigaben sprechen eher für die Bestattung eines im Grab aber nicht vorgefundenen hochrangigen Mannes. Die Frauen, eine Sklavin und eine Priesterin also vielleicht Opfergaben an Odin und Begleitung nach Walhalla?

Mit der Buslinie 30 und 20 fahren wir am Vigeland Park vorbei ins Stadtviertel Majorstuen. Mit der Trambahn fahren wir von hier hinauf auf den Holmenkollen mit seiner Olympia- Skischanze und dem dazu gehörigen Museum. Von hier hat man einen herrlichen Blick hinunter auf die Stadt am Oslofjord. Namensgebend für den Berg oberhalb Oslos war Ende des 19. Jahrhunderts der Arzt Ingebrigt Holm, der hier zunächst ein Hotel und später ein Sanatorium unterhielt. Wir schauen uns das Museum an und gönnen uns einen Blick aus der Skifliegerperspektive oben vom Turm der Schanze. Hier runter fahren??- Das muss man wollen ;-). Unsere Kinder machen ihre eigenen Flugversuche auf einem Trampolin. Nach Erkundung der Anlagen kommen wir auch am historischen Holmenkollen- Hotel vorbei. Der Wunsch ist geboren, hier einmal zu wohnen und das machen wir 11 Jahre später zum Jahreswechsel 2017/18. Wir finden dann auch die neue futuristische Schanze vor, die im Jahr 2008 gebaut wird. Dazu habe ich den Bericht >Frühere Reisen/Norwegen/ Holmenkollen-Oslo 2017< geschrieben.

Mit der U1 geht es wieder runter vom Berg zum Jernbarnetorget, einem Platz mit bronzener Tigerstatue an der Westseite des Zentralbahnhofs. Wir laufen die Karl Johans- Gate, die an ihrem Ende direkt zum königlichen Schloss führt entlang und suchen nach einem Restaurant. Entlang vieler Geschäfte und dem Parlament „Stortinget“ vorbei entscheiden wir uns für die Osloer Burgerkette „Egon“. Familie Schröder hat hier ganz in der Nähe ihre Unterkunft und gut gesättigt vereinbaren wir für morgen Mittag einen Treffpunkt. Wir haben einen Oslo- Pass, der uns freien Eintritt in die Museen, freie Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und sogar die Benutzung entsprechend gekennzeichneter Parkplätze gewährt.

Es ist Donnerstag und wir stehen wieder früh auf, um uns vor unserer Verabredung um 12:00 Uhr noch das Norske Folkemuseum auf der Museumsinsel besuchen. In erster Linie wollen wir uns dort, die aus dem Hallingdal versetzte Original- Stabkirche von Gol anschauen. Sie bildet bis heute mit vielen historischen Gebäuden ein Ensemble traditioneller Häuser Norwegens. Die Stabkirche von Gol kam bereits mit der Gebäudesammlung König Oskars II im Jahr 1884 auf die Halbinsel. Der Bibliothekar Hans Aall gründete 1894 ein Museum in Christiania, wie Oslo von 1624-1924 hieß, wobei er das Grundstück auf Bygdøy erst 1898 erwarb. Der Besuch der Kirche von 1170 mit ihrer später entstandenen Innenausmalung und der historischen Holzhäuser aus vielen Regionen Norwegens ist sehr lohnenswert. Wir sehen Musik- und Tanzdarbietungen und schauen Frauen und Männern bei traditionellen, handwerklichen Tätigkeiten zu. Mit der Buslinie 30 und 20 machen wir uns um 11:30 Uhr auf zum Vigelands- Park, den die Osloer eher als Frognerpark bezeichnen.

Hier treffen wir wie verabredet auf Familie Schröder, mit der wir uns nun die Skulpturen Gustav Vigelands (1869-1943) anschauen. Vigelands Skulpturen beschäftigen sich mit dem Kreislauf menschlichen Lebens und entstanden in den Jahren 1923 bis 1942. Am Fuß des Parkhügels befinden sich 58 Bronzeskulpturen mit dem Publikumsliebling „Sinnataggen“, dem zornig aufstampfenden Kind. Eine Treppenanlage führt an Brunnen vorbei zum „Monolitten“, einer 17 Meter hohen Granitsäule aus Iddefjord-Granit mit 127 Figuren, die von 36 Figurengruppen umgeben ist. In der wärmenden Sonne, inmitten der Granit- Plastiken genießen wir das nachmittägliche Treiben im Park. Wir essen noch eine Kleinigkeit im Park- Café, wonach wir uns von Norbert, Susanne, Lasse und Laura, die heute noch nach Lillehammer fahren verabschieden. Wir fahren mit der Straßenbahn 12 zum Rathausplatz.

Nach der Auflösung der Union mit Schweden fiel die Entscheidung zum Bau des Osloer Rathauses im Jahr 1905. Erst nach zwei Weltkriegen wurde das Projekt am 15.Mai 1950 fertiggestellt. Entlang von Schnitzarbeiten, die die Gottheiten und Sagenwelt Norwegens aufgreifen betreten wir die 1500 Quadratmeter große Halle, in der jährlich am 10. Dezember, am Todestag Alfred Nobels der Friedensnobelpreis verliehen wird. Neben der Halle mit ihren Wandgemälden schauen wir in den Ratssaal und den Munchsaal mit Edvard Munchs Bild „Life“ hinein. Wir laufen die Karl Johans-Gate am Parlament vorbei zur Domkirche, die aber geschlossen ist. Wir werfen einen Blick in das Einkaufszentrum „GlasMagasinet“. Weiter geht es am Bahnhof durch die Østbanehallen, die heute als Geschäftspassage genutzt werden. Mit der Straßenbahnlinie 19 fahren wir die Karl Johans-Gate nun entlang bis zum Königsschloss, das seit 1991 Sitz von König Harald V. und seiner Frau Sonja ist.

Am Schloss findet gerade die Wachablösung statt, wonach wir ein paar Schritte durch den schönen Schlossgarten laufen. Vor dem klassizistischen Gebäude aus der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts steht das Reiterstandbild von Karl Johan, der von hier einen Premiumblick auf die nach ihm benannte Straße hat. Die Lebensgeschichte dieses Karls, der im Jahr 1763 im französischen Pau als Jean Baptiste- Bernadotte geborenen wurde ist turbulent. Er stieg als einfacher Soldat zum Marschall in Napoleon Bonapartes Armee auf und wurde nach seiner Ernennung zum schwedischen Kronprinzen Oberbefehlshaber der alliierten Nordarmee gegen Napoleon. Er begründete als Karl Johann der XIV das schwedische Königshaus und war als Karl Johann III norwegischer König. Die Bernadotte Dynastie endete in Norwegen mit dem Ende der Allianz zwischen Norwegen und Schweden. Ein letztes Mal laufen wir in der Abendsonne die Prachtstraße entlang und kehren noch einmal bei „Egon“ zum Essen ein. Mit dem Bus geht es zurück zur Jugendherberge, wo wir alles für unsere morgige Abreise vorbereiten. Am Freitag geht es um 7:30 Uhr aus den Federn und auf dem Weg zum Fährhafen kaufen wir noch in einem großen Supermarkt ein. Um 11:00 Uhr reihen wir uns in der Autoschlange am Anleger ein. Die Fähre kommt mit Verspätung an und erst gegen 13:15 Uhr beginnt das Boarding.

Das Schiff trägt den Namen „Kronprinz Harald“ und hat, wie wir erfahren einen Maschinenschaden, wodurch es mit reduzierter Kraft fährt. Wir haben eine geräumige 4-Bett- Innenkabine und verbringen erst einmal einige Stunden auf dem Sonnendeck. Die Fahrt durch den Oslofjord ist bei dem heutigen Sommertag purer Genuss. Auch das reichhaltige Buffet, dem wir uns gegen 17:30 Uhr widmen macht bei einem Preis von 30 € (Kinder15 €) Spaß. Wir betrachten an Deck noch den Sonnenuntergang gegen 20:00 Uhr und lassen uns vom Rollen des Schiffs in den Schlaf begleiten. Ich stehe am Morgen sehr früh auf um die Durchfahrt durch die Öresund- Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö zu erleben. Mit einer Gesamtlänge von 7,85 Kilometern verbindet das Bauwerk mit einer maximalen Schiffs- Durchfahrtshöhe von 55 Metern seit dem Jahr 2000 Dänemark mit Schweden. Wir laufen am Vormittag in Kiel ein und erreichen gegen 16:30 Uhr unser zu Hause. Es ist Annes 9. Geburtstag und den feiern wir am Sonntag nach dieser schönen Reise im Garten mit den Omas, dem Opa und der Familie natürlich mit vielen Geschenken.

A. Korbmacher
©Copyright 2026