2022 Val di Sole- Wiedersehen mit unseren Trentiner Freunden

2022 Val di Sole- Wiedersehen mit unseren Trentiner Freunden

Es ist gut 2 Jahre her seit wir zuletzt das Val di Sole zum Skilaufen aufgesucht haben. Nach dem damaligen Aufenthalt in der frühen Phase der Corona-Pandemie stand unsere Rückreise bereits unter der Ankündigung von Lockdowns und Reisebeschränkungen. Italien hatte es in der Anfangsphase der Pandemie schwer getroffen, mit Überlastungen von Krankenhäusern und Intensivstationen. Diese Bilder aus Bergamo und anderen Landesteilen gingen um die Welt und Italien setzte Hygiene- und Schutzmaßnahmen konsequent und diszipliniert um. Auch im Trentino und im Val di Sole werden wir hören, dass Familienangehörige, Nachbarn und Freunde an den Folgen schwer erkrankt oder verstorben sind. Hier in den Dörfern und Ortschaften kennt jeder so ziemlich jeden.

Wolframs Eschenbach-Die "Alte Vogtei" am Abend
Wolframs Eschenbach-Die „Alte Vogtei“ am Abend

Mit der obligatorischen Online-Registrierung für die Einreise machen wir uns am ersten Tag im April auf den Weg nach Süden und setzen unser Konzept der entspannten Anreise auch diesmal um. Es ist Freitagmittag und das bis zum Abend erreichbare Ziel liegt in Mittelfranken, wo wir in der historischen Altstadt von Wolframs-Eschenbach ein Hotelzimmer vorgebucht haben. Annähernd die Hälfte unserer Gesamtstrecke ins Trentino haben wir bis hierher geschafft. Schon bei der Durchfahrt durch das Stadttor der befestigten mittelalterlichen Stadt sind wir beeindruckt von der Fachwerkkulisse, die für die Verfilmung der Geschichte des „Räuber Hotzenplotz“ von 1973 mit Gert Fröbe in der Hauptrolle ausgewählt wurde, wie wir später erfahren.

Wolframs Eschenbach-Hauptstraße nach Osten
Wolframs Eschenbach-Hauptstraße nach Osten

Die noch berühmtere Figur der Stadt allerdings ist im heutigen Namen verankert, es ist der Dichter und Minnesänger Wolfram von Eschenbach. Er wurde wahrscheinlich hier zwischen 1160 und 1180 geboren und auch um, oder nach 1220 hier im damals noch als Obereschenbach bekannten Ort beigesetzt. Er verfasste lyrische Dichtungen und einige epische Werke der mittelhochdeutschen Literatur, zu denen der Versroman Parzival gehört. 25000 paarweise gereimte Verse füllen 16 Bücher, die in verzahnten Handlungsträngen die Geschichte der beiden ritterlichen Hauptfiguren Parzival und des Artusritters Gawain abhandeln. Der Komponist Richard Wagner nahm sich mit seinem letzten musikdramatischen Werk der Thematik unter dem Titel „Parsifal“ mit der Uraufführung 1882 auf dem grünen Hügel in Bayreuth an.

Gut gelaunte Porschefahrer in Wolframs Eschenbach
Gut gelaunte Porschefahrer in Wolframs Eschenbach

Im frühen 13. Jahrhundert überträgt Graf Poppo von Wertheim das Kirchenpatronat in Eschenbach an den Deutschen Orden, der bereits um 1236 ein Haus im Ort bezieht. Der Parzival-Dichter beschreibt den Grafen in seinen Aufzeichnungen als einen Herrn, der das gute Leben liebt. Unser Hotel nennt sich „Alte Vogtei“ und wurde gegen 1610/17 als Sitz des Deutschen Ordens fertiggestellt. Es folgte eine Zeit der Hexenprozesse und des Dreißigjährigen Krieges mit Seuchen, Flucht und Hungersnot. Eschenbach ist seit der Mitte des 8. Jahrhunderts besiedelt und erhielt nach Vorgängerbauten von 1250-1310 die erste weiträumige gotische Hallenkirche Frankens. Inmitten des Fachwerk-Ensembles steht Wolfram von Eschenbach auf seinem Denkmal und könnte sicher mit seiner Laute ein Liedchen über die lange Geschichte der Stadt singen.

Wolframs Eschenbach-Stadtmuseum mit Storchennest und Denkmal
Wolframs Eschenbach-Stadtmuseum mit Storchennest und Denkmal

Wir haben einen angenehmen Aufenthalt in dem gastlichen Hotel, in dem ein Spagat zwischen alt und modern gelungen ist. Hier wo die Vögte des Ritterordens getagt haben, werden Räumlichkeiten mit den schönen Namen „Artusrunde“ oder „Rittersaal“ auch heute noch als Tagungsräume genutzt. Auch wir lieben das „gute Leben“ und lassen uns am Abend mit fränkischer Küche verwöhnen. Nach dem Frühstück schauen wir noch kurz in die Münsterkirche hinein und verlassen diesen schönen Ort im Schneetreiben.

Schnee am Mendelpass
Schnee am Mendelpass

Die Autobahn bringt uns auf dem schnellsten Weg über Nürnberg und München zum Brennerpass. Von Bozen fahren wir über den winterlichen Mendelpass ins Nonstal. Mit Winterbereifung ist die Fahrt über die Passhöhe machbar, aber schon etwas heikel. Am Nachmittag erreichen wir zeitig das Val di Sole. Bevor wir das Tal hinauffahren gehen wir in Dimaro noch in den Supermarkt, um etwas einzukaufen. Während wir dort die Regale abmarschieren habe ich das Gefühl, dass mich aus der Distanz jemand anspricht. Es sind unsere Gastgeber Sylvana und Walter, die wir seit 2 Jahren nicht gesehen haben. Nach einer ordentlichen Umarmung treffen wir wenig später in dem von den Beiden betriebenen B&B im Ortsteil Cortina in Vermiglio wieder zusammen. Es gibt natürlich sehr viel zu erzählen, die Wiedersehensfreude ist groß und der herzliche Empfang gibt uns das Gefühl nach Hause zu kommen- zumindest für eine Woche- in diese traumhafte Gegend.

Vermiglio- Unser Basecamp im Ortsteil Cortina
Vermiglio- Unser Basecamp im Ortsteil Cortina

Das einzige, was mich in den letzten Tagen etwas bedrückt hat ist die Tatsache, dass mir die auf die Südhänge ausgerichtete Webcam am Tonalepass zuletzt ernüchternde Schneeverhältnisse angezeigt hat. Vor 2 Jahren habe ich mir eine Tourenskiausrüstung zugelegt und die Enttäuschung war groß, als mir vor wenigen Tagen mein befreundeter Berg- und Skiführer Mirco statt Lawinengefahr eher Grasgefahr für eine gemeinsame Tour meldete. Im letzten Jahr waren die Verhältnisse zu dieser Jahreszeit ideal, aber der Schnee hat sich seit gestern mit ergiebigen Mengen auf den Höhen am Wochenende angekündigt. Dann wird die Lawinenstufe erst einmal wieder ansteigen.

Bon Giorno Vermiglio!
Bon Giorno Vermiglio!

Am Abend gehe ich mit Doro in der Pizzeria Dei Dossi erst einmal eine hervorragende Pizza essen. Der Pizzabäcker Fabio ist aus der Schweiz und betreibt die rustikale Pizzeria mit seiner Frau Valentina. Kurz nachdem ich Mirco ein Bild meiner Pizza zugesendet habe erscheint er in der Tür, denn er wohnt gleich nebenan. Auch hier ist die Wiedersehensfreude groß und neben der Absprache einer gemeinsamen Tour in der Wochenmitte stricken wir auch die ersten lockeren Pläne für ein Treffen mit ihm und seiner Frau Erika. Vor dem Schlafengehen gibt es noch einen „Absacker“ bei Walter und Sylvana.

Pizza im Dei Dossi
Pizza im Dei Dossi

Mirco hat uns erzählt, dass im Pejo-Tal am Sonntag das Saisonende mit einem großen Abschiedskonzert auf der Doss dei Cembri-Hütte auf 2400m gefeiert wird. Die Seilbahn auf 3000m ist wegen Neuschnee und Lawinengefahr bereits außer Betrieb genommen. Wir haben trotzdem entschieden die letzte Möglichkeit in dem für uns noch unbekannten Skigebiet zum Einfahren zu nutzen. Bei unserer Ankunft an der Hütte spielt das Wetter noch mit und das gerade laufende Konzert einer Blasmusik-Kapelle findet draußen statt. Mirco ist auch schon da, bereit für den anschließenden Part mit seiner Combo.

Blick aus dem Fenster Richtung Passo Tonale
Blick aus dem Fenster Richtung Passo Tonale

Zwischendurch checken wir ein paar Abfahrten und es beginnt zu schneien. Zurück an der Hütte hat sich wegen des Wetters das gesamte Event ins Innere verlagert. Beim Betreten der Hütte versuchen wir jedoch nicht uns weiter nach vorne durch das Gedränge zu arbeiten. Fast niemand trägt einen Mundschutz und das werden wir im Skigebiet auch im Laufe der Woche so weiter erleben.

Draussen vor der Hütte
Draussen vor der Hütte

In geschlossenen Räumen und den Seilbahnen besteht in Italien eigentlich noch bis zum Monatsende Masken-Pflicht, diese wurde in Deutschland außer in medizinischen Einrichtungen bei sinkenden Inzidenzen bereits ausgesetzt. Wir ziehen es vor der Darbietung von Mircos Truppe eine Weile draußen am Lautsprecher zu lauschen. Das Thema Covid ist leider noch nicht vom Tisch, auch wenn Geimpfte und Genesene eher keinen schweren Verlauf befürchten müssen. Positiv Getestete fallen trotzdem aus, was immer wieder zu Personalengpässen in Krankenhäusern und anderen sensiblen Bereichen führt. Urlaub bedeutet daher für uns nicht das Gehirn zu Hause an der Garderobe hängen zu lassen.

Rifugio Doss dei Cembri 2400m
Rifugio Doss dei Cembri 2400m

Bei zunehmender Bewölkung machen wir noch ein paar Abfahrten und kehren zeitig nach Vermiglio zurück. Der Empfehlung unserer Gastgeber folgend besuchen wir am Abend talauswärts in Piano ein schon lange bestehendes Restaurant, das seit geraumer Zeit im Gespräch ist. Es ist die gemütliche Location „Maso Burba“, die vor einigen Jahren vom Sohn der Wirtsfamilie übernommen wurde. Wir bekommen feine Sachen auf den Teller und teilen am Ende den Eindruck unserer Gastgeber, dass man hier offensichtlich Sterne-Ambitionen hat.

Blick ins Val di Pejo
Blick ins Val di Pejo

Am Montagmorgen besuchen wir das ortsansässige Sportgeschäft, dessen Besitzer der Mann von Walters Cousine ist. Dorothee sucht seit geraumer Zeit vergeblich nach passenden Damen-Ski-Tourenstiefeln in Größe 43. Mit der Passform von Herren-Modellen kam sie bisher auch nicht wirklich zurecht. Hier wird sie fündig, so dass wir auch bezüglich des Erwerbs einer kompletten Touren-Ausrüstung inklusive Ski und Fellen ins Geschäft kommen. Mittlerweile blinzelt die Sonne durch die Wolken und wir wenden uns den frisch angeschneiten Hängen im Skigebiet Marilleva zu.

Maso Burba in Piano
Maso Burba in Piano

Wir fahren die Straße bis hinauf zur Mittelstation der Kabinenbahn auf 1400m, wo wir problemlos einen Parkplatz finden. Wir haben für heute nur einen Skipass ohne das Skigebiet von Madonna di Campiglio und den gegenüber liegenden Pisten an der Brenta gekauft. Der letzte Neuschnee hat gute Pistenverhältnisse und eine winterliche Landschaft hervorgebracht. Dorothee überwindet ihre Bedenken und fährt mit mir die recht steile Abfahrt „Little Grizzly“ mit 67 Grad Gefälle, vor der ein Schild „Solo per Esperti“ warnt. Alles ist super, es ist immer noch recht bewölkt und zwischendurch haut immer mal die Frühjahrssonne durch die Wolken.

Solo per Esperti
Solo per Esperti

Obwohl ich zu anderen Skifahrern möglichst Distanz halte werde ich ohne noch reagieren zu können mit Wucht aus meiner Skibindung katapultiert und schlage mit Kopf, Schulter und Brust auf der Piste auf. Keuchend und stöhnend vor Schmerzen ringe ich nach Luft, das Atmen fällt mir schwer. „Everything allright?“ werde ich mehrfach gefragt. Ich nehme einen jungen Mann auf einem Snowboard wahr, der offensichtlich selbst leicht geschockt wirkt und mit dem ich wohl kollidiert bin. Er ist mit seinem Vater unterwegs, der die Tatsache, dass ich wieder aufrecht stehe zum Anlass nimmt seine Fragerei aufzugeben und sich mit seinem Sohn davon zu machen.

Marilleva 1400
Marilleva 1400

Etwas perplex sehe ich Sohnemann auf dem Hintern die Piste hinab rutschen. Ich habe Schmerzen in der linken Brust, der Schulter und im rechten Schienbein. Verdammt was war das?- Ich gehe davon aus, dass der Snowboarder sich aus hockender Position eine schlecht einsehbare Stelle ausgewählt hat um dann ohne zu gucken quer in die Piste einzuschneiden, ich habe ihn nicht einmal kommen sehen. Was mich in den nächsten Wochen noch quälen wird, sind ein oder zwei angeknackste Rippen. Die Blutergüsse sehen zwar schlimm aus, stellen aber kein ernstes Problem dar. Unfälle werden oft durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit herbeigeführt. Ob durch Übermut oder Unvermögen, oft beobachten wir hohe Geschwindigkeitsdifferenzen mit Minimalabstand auf der Piste, was das Tragen eines Helms einfach zur Notwendigkeit macht.

Malga Vigo
Malga Vigo

Am Abend haben wir in unserem B&B eine Verabredung zum Essen mit unseren Trentiner Freunden. Dorothee hat sich bereits zu Hause ein gemeinsames Abendessen überlegt und vorgekocht. Das Essen soll etwas Typisches aus unserer Heimat sein und es ist ein Rheinischer Sauerbraten, bei dem wir nicht wirklich sicher sind wie dieser angenommen wird. Mit Sylvana und Walter haben wir auch Erika und Mirco eingeladen. Als Beilagen gibt es Kartoffelklöße und Apfelkompott und Sylvana präsentiert als Vorspeise Blätterteig- Zucchini-Taler. Als Weinbegleitung haben wir einen herausragenden Primitivo aus Apulien mitgebracht.

Die Knödel brauchen noch
Die Knödel brauchen noch

Wir sind erleichtert, denn offensichtlich schmeckt es allen gut. Es ist wieder ein geselliger Abend mit guten Gesprächen, denn in zwei Jahren ist viel passiert. Mit den Augen des Urlaubers übersieht man leicht, dass die Menschen auch in der schönen Bergwelt des Val di Sole Sorgen, Nöte und Probleme haben, wie auch wir in unserem Alltag. Für die gesundheitlichen Probleme, die ich mir heute bei meinem Sturz eingehandelt habe bekomme ich von Sylvana einen Topf mit einer Pferdesalbe, die mir Doro auf Schulter und Brustkorb einmassiert- eine Wohltat in Kombination mit Ibuprofen.

Zucchini-Taler alla Sylvana
Zucchini-Taler alla Sylvana

Am Dienstagmorgen holen wir Mirco ab und Doro bringt uns zum Passo Tonale, wo ich mit Mirco meinen ersten Aufstieg mit Tourenski tätigen will. Ich habe schon so lange vor mich dieser authentischen Art des Skilaufs zu widmen. Der Massentourismus auf der Piste kann zu Stoßzeiten sehr nervig sein und wer im Sommer beim Bergwandern ein Skigebiet durchsteigt weiß, dass gesunde Almwiesen anders aussehen. Sicher ist das Aufsteigen und Abfahren abseits der Pisten, was den Naturschutz angeht auch nicht ganz unproblematisch. Wir werden aber erleben, dass die Entdeckung der Langsamkeit auf Ski eine Erfahrung ist, die es Wert ist vielleicht nur eine einzige Abfahrt am Tag zu machen. Es geht uns zunehmend nicht mehr darum möglichst viele abgefahrene Pistenhöhenmeter zu sammeln.

Gemütlicher Abend beim Rheinischen Sauerbraten
Gemütlicher Abend beim Rheinischen Sauerbraten

Skitourismus ist ein Geschäft, mit dem die Menschen in den einst einsamen und armen Alpentälern eine Einkommensquelle erschlossen haben und das sei absolut allen gegönnt. Längst ist die Verkabelung der Berge mit Aufstiegshilfen aber so weit fortgeschritten, dass man sich wünschen würde es wäre endlich genug. Die Landschaft wird bei Bedarf künstlich beschneit damit die Gäste nicht ausbleiben. Ich war vor 50 Jahren zusammen mit meinen Eltern zum ersten Mal zum Skilaufen in den Alpen. Vor 4 Jahren habe ich dazu einen Rückblick geschrieben. Es ist krass wie sich seitdem die Skigebiete der Alpen entwickelt haben.

Aufstieg mit Tourenski
Aufstieg mit Tourenski

Mirco gibt mir gute Tipps beim Auffellen der Ski und nach wenigen Handgriffen sind wir startklar. Wir wählen einen leichten Aufstieg, der uns unterhalb des Passo Paradiso nach links querend in das Val Presena führt. Im tieferen Schnee üben wir die Spitzkehre mit Tourenski, die im steileren Gelände ein wichtiges Manöver darstellt um die Aufstiegsrichtung zu ändern. Es macht Spaß eine eigene Aufstiegsspur in den Schnee zu legen. Wir erreichen bald den Skiweg, über den wir hinter den Felsabstürzen unter dem Passo Paradiso gemütlich an Höhe gewinnen.

Im Felstunnel
Im Felstunnel

Wir kommen an einen Felstunnel, ähnlich wie beim Aufstieg zur Denza-Hütte. Der Tunneleingang ist frei und Mirco erzählt mir, dass man den Eingang in schneereichen Jahren vor der Passage oft erst freischaufeln muss. Der Tunnel durch den der weitere Aufstieg Richtung Passo Paradiso führt ist hier kein Relikt des weißen Krieges, der Stollen ist Teil eines aufgegebenen Wasserprojekts. Nach dem Ablegen der Ski heißt es Aufpassen auf das Blankeis am Boden. Auch hier kommen uns ein paar Leute entgegen oder gehen von hier weiter hinauf zum Passo Paradiso oder über den Presenagletscher zum Passo Presena. Eine Weile genießen wir den Blick hinunter in das Val di Sole und hinauf in den Talkessel des Val Presena. Dahinter grüßt der Gipfel der Presanella mit dem Übergang an der Sella Freshfield.

Am oberen Tunnelausgang - Blick ins Val Presena
Am oberen Tunnelausgang – Blick ins Val Presena

Es waren heute nur 350 Höhenmeter, die wir vom Passo Tonale aufgestiegen sind. In wenigen Minuten fahren wir hinunter zur Passstraße, wo uns Dorothee abholt. Ich lasse meinen Blick noch einmal über die Grate schweifen. Ich habe in meinen Berichten immer wieder über die damalige eisige Alpenfront entlang der höchsten Gipfel im ersten Weltkrieg berichtet. Der jahrelange erbitterte Stellungskrieg zwischen Alpinis und Kaiserjägern ist nun seit mehr als 100 Jahren Geschichte.

Panorama mit Mirco
Panorama mit Mirco

Auch der Zweite Weltkrieg ist fast 77 Jahre her. Im heutigen gemeinsamen Europa können nur noch wenige Zeitzeugen aus erster Hand berichten was Krieg wirklich bedeutet. Die Menschen in der benachbarten Ukraine gehen derzeit wieder durch diese Hölle. Weltpolitisch wird gerade jegliches Vertrauen zerstört anstatt die wirklichen Herausforderungen für die Menschheit endlich gemeinsam anzugehen, womit der russische Diktator alles aufs Spiel setzt. Die Zukunftsfrage für die Menschheit auf diesem Planeten wäre bei einer vollständigen internationalen Eskalation eh geklärt.

Valerio mit Kollegin im Magic Pub und Lasagne
Valerio mit Kollegin im Magic Pub und Lasagne

Unsere Tour lassen wir mit Mirco in der Après-Skibar „Magic Pub“ ausklingen. Mircos Schwiegermutter betreibt diese Location und wird von Erika unterstützt. Auch Koch Valerio, den wir gut von Mircos Hütte kennen arbeitet derzeit hier. Wir teilen uns ein köstliches Stück Lasagne zum Bier und sitzen noch eine Weile draußen vor der Hütte in der Sonne. Von Mirco erhalten wir an seinem Haus zum Abschied noch ein Stück eines speziell gelagerten Käses und hausgeschlachtete Salsiccia von seinem Vater. Am Abend essen wir noch einmal gemeinsam mit Sylvana und Walter die Reste vom Vortag.

Käse und Salsicca bei Mirco
Käse und Salsicca bei Mirco

Mittwoch erwartet uns wieder sonniges Wetter und nach dem Frühstück geht es erneut hinauf zum 1882 Meter hohen Tonalepass. Es gibt auch hier einige Pisten, die wir bisher noch nicht gefahren sind. Es ist das Skigebiet oberhalb von Ponte di Legno, auf der anderen Seite der Passhöhe an der auch die Grenze zwischen dem Trentino und der Lombardei verläuft. Wir finden hier sehr wenig frequentierte Pisten. Nach Nordosten können wir hinter dem Talausgang des Val di Sole den Langkofel und andere Erhebungen in Südtirol ausmachen. Unter uns liegt Ponte di Legno und gegenüber schauen wir auf die Punta San Matteo 3678m, ein weiterer Gipfel der damaligen Alpenfront.

Blick auf Ponte di Legno mit Punta San Matteo und Tonalepass
Blick auf Ponte di Legno mit Punta San Matteo und Tonalepass

Sylvana lässt es sich nicht nehmen am Abend auch uns zu einem gemeinsamen Essen einzuladen. Sie hat frische Forellen-Filets gekauft. Goldgelb gebacken, mit einer knusprigen Panade versehen haben wir ein weiteres schmackhaftes Abendessen, zu dem selbstgemachte Pommes und Salat gereicht werden. Danach etwas Casolet- Käse von der Alm- Wunderbar!

Salute und Chin-Chin
Salute und Chin-Chin

Am Donnerstag packen wir unsere Tourenski ins Auto und fahren noch einmal zur Mittelstation Marilleva 1400. Wir wollen heute mit Dorothees neuer Tourenausrüstung die Pisten oberhalb von Madonna di Campiglio im Angesicht der Brenta-Dolomiten befahren. Dafür fahren wir vom Monte Vigo 2179m hinab zur Passhöhe Campo Carlo Magno auf 1680m, von wo uns die Kabinenbahn zum Grosté-Pass auf 2444m hinaufbringt. Dorothee kommt bestens mit ihren Tourenski zurecht und am Aussichtsberg Monte Spinale machen wir eine ausgedehnte Mittagspause. Lange lassen wir die beeindruckenden Felswände der Brenta, deren Klettersteige uns wohl bekannt sind auf uns wirken. Richtung Westen jenseits des Val Rendena blicken wir auf die wolkenverhangenen Gipfel um Presanella und Adamello.

Blick auf die Brenta-Dolomiten vom Monte Spinale
Blick auf die Brenta-Dolomiten vom Monte Spinale

Nach zwei Saunagängen haben wir uns heute Abend wieder mit unseren Gastgebern zum Essen verabredet. Wir halten es einfach und besuchen zusammen noch einmal die benachbarte Pizzeria. Fabios Pizza ist schon etwas Besonderes und absolut auch einen zweiten Besuch wert. Mirco und Erika können diesmal nicht dabei sein, Mirco ist bereits auf seiner Denza- Hütte und erwartet dort eine Gruppe Tourengeher.

Sylvana und Walter mit Presanella
Sylvana und Walter mit Presanella

Am Freitag wollen Sylvana und Walter mit uns gemeinsam eine kleine Skitour unternehmen. Beide haben in diesem Jahr noch nicht die Ski angeschnallt. Wir frühstücken gemeinsam und fahren dann hinauf zum Passo Tonale. Der Plan ist neben der Piste zur Malga Valbiolo auf 2242m unterhalb des Passo Contrabandieri, dem Schmugglerpass aufzusteigen. Für den annähernd 400 Höhenmeter Aufstieg lassen wir uns sehr viel Zeit und haben viel Spaß dabei. Trotz aller Anstrengung ist auch Dorothee erstaunt, wie problemlos das steile Ansteigen am Hang mit den Tourenski möglich ist.

Auf dem Weg zur Malga Valbiolo
Auf dem Weg zur Malga Valbiolo

Wir erreichen die Malga zur Mittagszeit und essen dort zusammen. Doro und ich essen nur eine Kleinigkeit, weil wir uns am Abend noch einen Tisch in der Bio-Agritur „Maso Celesta“ reserviert haben. Die einzige Abfahrt des Tages ist der Lohn für den Aufstieg. Es ist unser letzter Tag im Trentiner Sonnental und vor dem Abendessen beginnen wir bereits unsere Sachen zu packen.

Auf der Malga Valbiolo
Auf der Malga Valbiolo

In der Agritur „Maso Celesta“ waren wir zuletzt vor 3 Jahren im Sommer mit meinem Freund Frank zu Gast. Wir haben die Küche hier in bester Erinnerung und bekommen auch diesmal wieder köstliches auf den Teller. Deborah, von der wir dachten sie sei die Chefin hier ist wohl nicht mehr da. Es hat sich sonst nichts verändert und der Clou ist die Glasscheibe im Boden mit Blick in den Viehstall. Durch ein Fenster können wir auch in die Käserei schauen. Aus der Kühltheke nehmen wir vom hier produzierten Specko und Casolet mit. Den „Absacker“ an unserem letzten Abend bekommen wir in unserem B&B bei Sylvana und Walter.

Frühstücks- Wurst-und Käseplatte alla Sylvana
Frühstücks- Wurst-und Käseplatte alla Sylvana

Am Samstagmorgen packe ich das Auto fertig und beim Frühstück heißt es dann auch Abschied nehmen von unseren wunderbaren Gastgebern, von Vermiglio und dem herrlichen Val di Sole. Wir haben uns vorgenommen auch die Rückfahrt ganz entspannt anzugehen und in 2 Etappen zu teilen. So fahren wir über den Tonale-Pass ins Valtellina, wo wir noch ein paar Köstlichkeiten für zu Hause einkaufen. Der Schweizer Grenzbeamte erkundigt sich zwar mit der Frage „Na- was bringen Sie denn mit?“, verzichtet aber dann doch aufs Nachschauen, vielleicht weil ich mir die Antwort „Nur schmutzige Wäsche“ verkniffen habe. 🙂

Am Julierpass 2224m
Am Julierpass 2224m

Unser Weg führt uns über die winterlichen Passhöhen von Bernina- 2328m und Julierpass 2284m, über St.Moritz und Chur durch das Fürstentum Liechtenstein. Am Bodensee entlang erreichen wir am späten Nachmittag unser Übernachtungsquartier in Ehingen-Kirchen in Baden-Württemberg, 23 Kilometer südwestlich von Ulm. Auch dieser Gasthof befindet sich in einem denkmalgeschützten, historischen Gebäude aus dem 13.Jahrhundert. Geführt wird das Hotel von 2 Brüdern und auch die hochbetagte Mutter hilft noch mit. Wir sind hier rundum zufrieden und schlafen gut in der ruhigen dörflichen Gemeinde. Nach dem Frühstück drehen wir noch eine Runde um die hübsche Kirche, bevor wir uns an die Heimfahrt machen.

Der "Hirsch" in Ehingen-Kirchen
Der „Hirsch“ in Ehingen-Kirchen

Auf dem Weg nordwärts zur Autobahn fahren wir durch den schönen Alb-Donau- Kreis und halten in der wunderschönen Fachwerkstadt Münsingen in der Region Neckar-Alb. Hier ist viel Bausubstanz aus dem 16.Jahrhundert erhalten und wir begnügen uns mit einem kleinen Rundgang und einem Blick in die hiesige Martinskirche. 1339 erhielt Münsingen Stadtrecht, die Besiedlung fand wahrscheinlich schon im 6. Jahrhundert statt. Über die Autobahn erreichen wir am Nachmittag Haus und Hof.

Marktplatz in Münsingen
Marktplatz in Münsingen

Die letzten Zeilen dieses Berichts schreibe ich ein paar Tage nach Ostern nieder. Der Krieg in der Ukraine, der laut Putin lediglich als militärische Operation bezeichnet werden darf geht seit fast 2 Monaten ohne Waffenruhe mit unerbittlicher Härte weiter. Nach Zählung des UN-Hochkommissariats verzeichnet die Ukraine bereits über 2000 Opfer nur in der Zivilbevölkerung, 12 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die Ukraine fordert schwere Waffen aus Deutschland, selbst unsere grünen Politiker vergessen ihr pazifistisches Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ und Kundgebungen wie die traditionellen Ostermärsche werden sogar angefeindet. In skandalöser Weise werden unsere Staatsoberhäupter für ihr abwägendes Vorgehen angegriffen. Nach dem Coronavirus scheint sich nun langsam ein Kriegsvirus auszubreiten.

Vor über 100 Jahren-Kanone an der Cresta della Croce auf 3276m
Vor über 100 Jahren-Kanone an der Cresta della Croce auf 3276m

Ich selbst weiß nicht so recht wo ich mich da wiederfinde. Können grenzenlose Gewalteskalation und Abbruch jeglicher diplomatischer Beziehungen überhaupt Lösung eines Konflikts sein?- dagegen steht die geschichtliche Erkenntnis, das Diktatoren mit Eroberungsphantasien Einhalt geboten werden muss. Ein aktuelles Landtags-Wahlplakat der Satire-Partei „Die Partei“ lässt mich bei aller Ernsthaftigkeit der Lage schmunzeln. Unter einem dargestellten Atompilz befindet sich der Text „Deine letzte Wahl!“

Wir hoffen das Beste und auf ein baldiges Wiedersehen mit unseren Freunden.

Arnd und Doro mit Presanella
Arnd und Doro mit Presanella

A.Korbmacher

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