St. Anton 2026

St. Anton 2026

Ende Januar mache ich mich am Freitagmorgen auf den Weg nach St. Anton am Arlberg in Österreich, wo zum 45. Mal das internationale Symposium für Anästhesie, Intensiv-, Notfallmedizin und Schmerztherapie stattfindet. Der jährliche Nachweis von Fortbildungspunkten ist für alle Ärzte eine Pflicht. Leider ist das Spektrum von Kongressen in Deutschland in den letzten Jahren immer mehr geschrumpft. Austragungsort für den Deutschen Anästhesie- Kongress ist seit einigen Jahren Kassel. Nach den letzten Aufenthalten in Kassel habe ich mich auf der Suche nach Alternativen an meine beiden früheren Besuche der Symposien in St. Anton 2009 und 2011 erinnert. Seit Beginn der 2000er Jahre wird diese Veranstaltung federführend von der Uni- Rostock veranstaltet. Neben der Anästhesie geben sich auch einige andere medizinische Fakultäten in der Kongresshalle am Arlberg die Klinke in die Hand. Hier habe ich die Möglichkeit meine Kurse und Workshops in der wunderschönen Landschaft des winterlichen Tirols zu besuchen und gelegentlich auch ein paar Abfahrten mit den Ski zu machen. Mit Verlagerung der Nachmittags- Vorträge in die Abendstunden lohnt sich das unter anderem in den langen Mittagspausen. Das Skigebiet ist mittlerweile im Zusammenschluss mit Lech, Zürs und Warth zu einem großen Verbund zusammengewachsen. 2010 habe ich mit Dorothee eine schöne Zeit auf der Ulmer- Hütte mitten im Skigebiet verbracht. St. Anton mit dem Arlbergpass war im Sommer 2012 zusammen mit Anne auch der Ausgangsort für unsere Runden durch das Verwall und die Lechtaler Alpen.

Sankt Anton am Arlberg
Sankt Anton am Arlberg

Verändert hat sich in den letzten 15 Jahren das Preislevel der Unterkünfte in St. Anton. Die günstige Frühstückspension in der Nähe der Kongresshalle gibt es längst nicht mehr. Auf der Suche nach einem Quartier machen mich die Hotelpreise fast sprachlos. Hoteliers verlagern sich immer mehr auf Luxus, um wohlhabende Wintersportler aus aller Welt anzulocken. Dieses Prinzip macht leider an vielen Orten in den Alpen Schule. Einst authentische, aber auch arme Bergdörfer überspannen heute den Bogen mit sehr viel Schnickschnack, Wellness und Partymeilen bis hin zum Extrembeispiel Ischgl mit seinem Image als Hochburg des Party- und Sauftourismus. Irgendwie muss das Geld ja reinkommen, denn im Kampf gegen den Klimawandel verschlingt die notwendige Infrastruktur zur künstlichen Beschneiung der Pisten viele Millionen. Ein Konzept, mit dem die Alpen sich leider immer mehr zum Spielplatz für wohlhabende Gäste präsentieren. Ich habe mir recht günstig einen VW- Golf als Leihwagen besorgt, damit Dorothee unseren Wagen zu Hause hat. Nach flüssiger Fahrt über A3/A7 und A94 erreiche ich zeitig am frühen Nachmittag mein vorgebuchtes Zwischenquartier in Beuren, nördlich von Isny. Kurz grüßen nach Süden die Spitzen des Allgäuer Hauptkamms über der verschneiten Landschaft. Im Gasthaus „Zum Kreuz“ ist das Zimmer noch nicht ganz fertig, so mache ich eine Runde durch das Dorf und laufe über einen Feldweg auf eine Anhöhe. Leider habe ich von hier nur Nordblick.

Anfahrt am Samstag
Anfahrt am Samstag

Am Samstag geht es dann zeitig weiter über Landstraßen, deren Asphalt von einem eisigen Niederschlag heimgesucht wurde. Eine hartnäckige Eiskruste hat auch die Autoscheiben belegt. Es geht durch dichte Nebelbänke von der Alb hinab über die A94 zum Bodensee, über Lindau und Bregenz. Über Bludenz bringt mich die S16 durch den Arlbergtunnel nach St. Anton. Mit etwas mehr als zwei Stunden Fahrt war das heute Morgen ein Katzensprung. Ich bin viel zu früh an meiner Pension im Ortsteil Nasserein. Die freundliche Junior-Wirtin ist aber da und checkt mich schon mal ein. Auf mein Zimmer muss ich allerdings noch bis zum Mittag warten. Im Gespräch erfahre ich, dass die Wirtin der Pension, in der ich bei meinen früheren Aufenthalten genächtigt habe im letzten Jahr plötzlich und unerwartet verstorben ist. Ich nehme das betrübt zur Kenntnis, denn ich habe sie deutlich jünger als ich selbst in Erinnerung. Die Zeit nutze ich für eine erste Runde über die Kongresshalle und das Ortszentrum von Sankt Anton. Die Unterlagen für den Kongress kann ich aber erst ab 15:00 Uhr abholen. So kaufe ich etwas ein, laufe über den Winterweg von der Kongresshalle an der Nasserein- Bahn vorbei wieder zurück zu meiner Pension, die sich wie alles in St. Anton sehr international als „Arlberg Quality Hosts- Das Landhaus- AFOCH- FEI“ präsentiert. Hier habe ich ein kleines zweckmäßiges Zimmer.

Mein Quartier im Ortsteil Nasserein
Mein Quartier im Ortsteil Nasserein

Ich richte mich ein, während draußen der herrlich blaue Himmel eigentlich auf die Piste lockt. Im Zimmer mache ich eine Abhäng- Pause und beschließe für heute erst mal stressfrei anzukommen. Am Nachmittag mache ich mich noch einmal auf den Weg zum Zentrum, hole meine Kongressunterlagen ab und beschließe den Rest des Tages in der Sauna zu verbringen, die sich direkt nebenan in der Arlberg- Well.Com- Halle befindet. Vom Außenbereich fällt der Blick auf den (Fast-) Vollmond über dem Talausgang. Bevor ich wieder zu Fuß zur Unterkunft zurückkehre, gehe ich beim Italiener noch eine Portion Spaghetti essen. Interessant ist, dass St. Anton in seinem Zentrum ein öffentliches Alkoholverbot verhängt hat. Das hält einige Gäste aber nicht davon ab reichlich davon zu konsumieren und mit mehr oder weniger ataktischem Gang lautstark durch das Zentrum zu marschieren. Alkohol wird überall, auch in den Locations auf der Piste ausgeschenkt, so sind die trinkstarken Gäste aus aller Welt auch hier in St. Anton durchaus ein Thema. Sicherheitskräfte beobachten das abendliche Partytreiben gelassen aus der Distanz.

Sonntag- Ski- Nachmittag am Kapall
Sonntag- Ski- Nachmittag am Kapall

Ein tolles Frühstück bereitet mir am Sonntagmorgen die Senior- Chefin, die mir auch Aufschluss gibt, was der Name „AFOCH FEI“ eigentlich bedeutet- es ist aus dem Arlberger Dialekt übersetzt: „Einfach fein“. Von ihr erfahre ich auch, dass die Wirtin der damaligen Pension ihr Leben wohl selbstbestimmt beendet hat. Den Vormittag verbringe ich in der Kongresshalle, am Nachmittag möchte ich aber bei dem sonnigen Wetter unbedingt rauf an den Berg. Meine Unterkunft bietet die Möglichkeit Ski und Schuh in einem Sportgeschäft an der Nasserein- Bahn zu deponieren. Gegen 12:00 Uhr schnappe ich mir die Ski und regele die Anmeldung im Skidepot, es ist bereits 13:00 Uhr als ich endlich in der Seilbahn hinauf auf den Gampen sitze. Weiter geht es rauf auf Kapall, wo ich am Nachmittag einige rot/schwarze Abfahrten mache und bei der letzten an einer kleinen Hütte neben der Piste eine Weile inne halte. Auch bei den Preisen für den Skipass spielt „Stanton“, wie die anglophonen Gäste den Ort gerne nennen ganz vorne mit. Es ist auch fast Standard, dass man in Geschäften und Restaurants englisch angesprochen und verstanden wird. Ich habe mir an diesem Nachmittag ordentlich dicke Oberschenkel abgeholt und kehre vom Skidepot zurück zur Kongresshalle. Nach ein paar Vorträgen zur Kinderanästhesie gibt es um 18:00 Uhr noch ein letztes Highlight mit dem Public Viewing des Endspiels der Handball-EM im Saal. Den erbitterten Fight um den Titel kann Dänemark am Ende mit 34:27 gegen Deutschland verbuchen.

Arlberg Well.Com- Halle- Anästhesie Symposium 2026- Endspiel Handball EM
Arlberg Well.Com- Halle- Anästhesie Symposium 2026- Endspiel Handball EM

Der Montag beginnt mit etwas Muskelkater und dem guten Frühstück in meiner Pension. Gäste aus Australien und Neuseeland sind neu angereist. Mit geburtshilflichen Themen vergeht der Vormittag im Vortragsraum. Zwei Kolleginnen und einen Kollegen aus Wuppertal, die die lange Mittagspause zum Skifahren nutzen, habe ich gestern angetroffen. Ich gönne meinen Beinen heute eine Pause, obwohl es ein Traumtag mit wolkenlosem Himmel ist. Ab morgen wird das Wetter mit Südföhn wechselhafter- ich hoffe, ich habe Ende der Woche noch mal Glück mit dem Wetter. Ich nutze die Pause zum Besuch des Museums in der Villa Trier, einem 1910 im Heimatstil erbauten Haus. Obwohl ich mir das Museum früher schon mehrfach angeschaut habe, ist es auch diesmal wieder lohnend durch die kleine Ausstellung zu stöbern, die dem Besucher viel über den Arlberg verrät. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Kinder und Jugendliche aus den armen Dörfern am Arlberg zur Arbeit ins Schwabenland geschickt, wo es in den Sommermonaten Arbeit und Einkommen gab. Heute bringen die Touristen das Geld an den Arlberg und auch die Angestellten kommen aus aller Welt in die Wiege des alpinen Skilaufs- wie St. Anton sich gerne selbst präsentiert.

Ski- Museum Arlberg in der Villa Trier
Ski- Museum Arlberg in der Villa Trier

Der Arlbergpass war im Mittelalter ein Handelsweg, der zunehmend, auch als Pilgerroute nach Rom an Bedeutung gewann. Einer der Pilger war Heinrich Findelkind, der mit zwei Priestern auf dem Weg nach Rom Arbeit auf Burg Arlen fand. Diese befand sich im heutigen Ortsteil Nasserein, ganz in der Nähe meiner Unterkunft. Hier verdingte er sich 10 Jahre lang als Schweinehirt. Auch wegen der Zunahme von Unfällen und Toten rund um den Arlbergpass begann Findelkind mit 15 gesparten Gulden und der Erlaubnis des Herzogs, am 24. Juni 1386 mit dem Bau einer Herberge auf der Passhöhe. Mit Erlaubnis des Papstes gründete er dort die Bruderschaft St. Christoph und ein Hospiz. Im Jahr 1414 verunglückte Papst Johannes XXIII am Arlberg auf seinem Weg zum Konstanzer Konzil. „Ich liege hier im Namen des Teufels“ sollen seine Worte unter dem Wagen im Schnee liegend gewesen sein. 1415 hatte die Bruderschaft bereits 2000 Mitglieder. An der Eisbahn vor der Kongresshalle genieße ich die Nachmittagssonne bis zur nächsten Sitzung um 16:30 Uhr.

Heinrich Findelkind und der Arlberg- Pass
Heinrich Findelkind und der Arlberg- Pass

Ein Justiz- Skandal nimmt das Auditorium emotional mit. Erörtert wird eine anonym gestellte Mordanklage gegen einen Arzt, der durch ein initial groteskes und wenig sachkundiges Primär- Gutachten über 400 Tage inhaftiert und somit seiner Freiheit beraubt wurde. Trotz des errungenen Freispruchs lag das Leben des engagierten Arztes danach erst einmal in Trümmern. Der in meiner Ausbildung so oft gehörte Satz „Als Arzt stehen sie immer mit einem Bein im Knast“ zeigt bei diesem Fall, wie viel Wahrheit da mitschwingt. Am Abend findet das „Come Together“ in der Olympiahalle des Kongresszentrums statt. Zusammen mit der Gemeinde St. Anton präsentieren die Organisatoren des Kongresses den Teilnehmern einen geselligen Abend mit einem leckeren Buffet und Live- Musik. Mit Britta, Ursula und Mathias aus Wuppertal und den Kollegen Johannes aus Brilon und Clemens aus Arnsberg wird es dann auch für mich ein geselliger Abend.

Alpine Rettung mit Hubschrauber 2011
Alpine Rettung mit Hubschrauber 2011

Der Dienstag beginnt mit dem gleichen Procedere wie an den letzten Tagen mit dem Wecker um 7:00 Uhr. Die Seniorchefin der Pension heißt Ilona Hüttl, stammt aus dem Sauerland und ist durch ihren bereits verstorbenen Ehemann an den Arlberg gekommen. Sie bewirtschaftet mit ihrer Tochter Maria Tatschl die adrette Pension und macht ein tolles Frühstück. Sohn Kurt ist der ehrenamtliche Leiter der Bergwacht, ich werde ihn heute Mittag kennenlernen. Der Vormittag in der Kongresshalle behandelt relevante Themen auf der Intensivstation und im OP. Am Mittag findet der Workshop Lawinen- Rettung statt, diesmal im Gelände oberhalb der Arlbergpass- Höhe. Ich habe diesen alpinen Notfall- Kurs auch 2009 und 2011 in einem etwas anderen Szenario mitgemacht. Ein Teil fand am Heliport am Eingang zum Verwall- Tal statt, wo uns ein toller Einblick in die Möglichkeiten der luftgestützten alpinen Rettung dargeboten wurde. Als Begleitung beim Abtransport eines Verletzten im Bergesack hatten alle Teilnehmer die Möglichkeit am 30 Meter- Seil unter dem Heli hängend eine Runde durchs Tal zu drehen.

M. Putzke (ganz li) und K. Hüttl (ganz re) mit den Jungs von der Bergwacht
M. Putzke (ganz li) und K. Hüttl (ganz re) mit den Jungs von der Bergwacht

Zur Fortsetzung des Kurses im Skigebiet wurden die Lawinenhunde mit ihren Hundeführern ebenfalls am Seil hängend an den Lawinenkegel gebracht. Dort stand dann die simulierte Bergung und Rettung von Verschütteten im Vordergrund. Mit Wegfall der Finanzierung seitens der Industrie ist der Einsatz des Hubschraubers bei dieser Aktion heute nicht mehr möglich, so fahren wir mit dem Taxi hinauf in das Gelände oberhalb des Arlbergpasses. Hier hat die Bergwacht unter der Leitung von Kurt Hüttl auch in diesem Jahr engagiert und ehrenamtlich ein Szenario mit Vorführung der hocheffektiven Lawinenhunde und der Ortung und Sondierung von Lawinenopfern für uns vorbereitet. Mit dabei ist auch der langjährige ärztliche Leiter der Helikopter-Basis Mathias Putzke, der auch vor 15 Jahren den Kurs begleitet hat. Ich habe Gelegenheit mein eigenes LVS- Ortungsgerät zum Einsatz zu bringen und erhalte dazu wertvolle Tipps. Sowohl das Handy, als auch ein GPS- Gerät kann die Ortung stören. Wichtig ist es das Gerät ab etwa 5 Metern Distanz direkt über der Schneedecke zu führen. Für mich ist es eine willkommene Möglichkeit im Dialog mit den Profi- Bergrettern mein Wissen zum Thema Lawinen zu erweitern. Ernüchternd bei der ganzen Sache ist das kurze Zeitfenster für eine erfolgreiche Rettung Verschütteter. Hat der Verschüttete keine Atemhöhle sind seine Überlebenschancen nach 15 Minuten überschaubar.

Lawinen- Rettung 2026 am Arlberg- Pass
Lawinen- Rettung 2026 am Arlberg- Pass

Mit zukünftigen Ausblicken auf unser Fachgebiet klingt der Tag in der warmen Kongresshalle mit einem heißen Tee aus. Ich schließe mich im Anschluss der Wuppertaler und Sauerländer Fraktion an und gehe beim „Skiing Buddha“ an der Kletterhalle am modernen Bahnhofskomplex noch etwas Schmackhaftes aus dem Asia- Wok essen. Heute Abend gesellen sich auch Johannes ältere Kinder Shanti und Paul dazu. Vor drei Tagen wurde Shanti vor Ort ein Kreuzband ersetzt. Erst nach 23:00 Uhr erreiche ich über die nächtliche Kunstmeile unter funkelnden Sternen und dem 3 Tage alten Mond mein Quartier in Nasserein.

Beim Skiing Buddha und Mondschein über St. Anton
Beim Skiing Buddha und Mondschein über St. Anton

Der Wecker ertönt auch am Mittwoch gnadenlos um 7:00 Uhr. Ich setze mir heute nicht zum Ziel zum Programmstart im Vortragssaal zu sitzen und lasse den Tag ganz entspannt angehen. Erst gegen 10:00 Uhr steige ich in die Themen zur Schmerzmedizin ein. Die Mittagspause verbringe ich in meinem Zimmer und hole etwas Schlaf nach. Intensivmedizinische Themen und Fragestellungen beschäftigen mich bis 19:00 Uhr. Wir haben uns in der gleichen Runde wie gestern wieder zum Essen verabredet, hinzu gesellen sich noch Rhatta und ihr Lebensgefährte. Beide arbeiten in der Schweiz, Rhatta wurde in Kambodscha geboren, ihr Mann in Holland. Wir haben nicht reserviert und das ist mit 9 Personen ad-hoc nicht so einfach. Beim Italiener „Ciao Ciao“, wo ich bereits am Samstag gegessen habe geht aber noch was. Nicht alles läuft hier rund und bei der Abrechnung wird es zum Schluss noch sehr kompliziert. Wir sehen uns um 21:00 Uhr die wöchentlich stattfindende Skishow im Olympiastadion von 2001 an. Mit Lichteffekten, Musik und Feuerwerk begleitet werden Showacts mit Ski, Snowboard und Gleitschirm am olympischen Zielhang präsentiert. Genau vor 25 Jahren fanden hier die 36. Alpinen Skiweltmeisterschaften statt. Der Moderator mit der Stimme eines Florian Silbereisen kommentiert die Show durchaus werbewirksam, denn St. Anton hat für die Ski- WM im Jahr 2033 bereits seine Bewerbung eingereicht. Mit einer Verabredung zum Skifahren für morgen nehme ich meinen Fußmarsch nach Nasserein in Angriff.

Immer Mittwochs- Skishow am Olympiastadion
Immer Mittwochs- Skishow am Olympiastadion

Am Donnerstag kaufe ich mir einen Skipass und komme meiner Verabredung um 9:30 Uhr an der Nasserein- Bahn nach. Ich treffe auf Ursula, mit der ich nach einer Bergfahrt mit der Nassereinbahn in das gegenüberliegende Skigebiet Rendl wechsele. Das Wetter heute könnte man als Kaiserwetter bezeichnen und es bietet sich ein großartiges Panorama auf die Gipfel rund um St. Anton. Ursula fährt gern schnell und so fahren wir ohne Pausen an den Liften am Rendl rauf und runter. Am Fun- Parc beobachten wir einen heftigen Unfall, bei dem ein Skiläufer nach dem Absprung von einer der Kuppen cool die Skienden anhebt. Bei der Landung bleibt er mit beiden Skispitzen hängen und schlägt mit enormer Energie auf Brust und Gesicht, wonach er reglos im Schnee liegen bleibt. An der Bergstation melden wir den Vorfall und erfahren, dass Hilfe schon unterwegs ist. Wir fahren noch mal zur Unglücksstelle wo die mit dem Skidoo eingetroffenen Pistenretter sich bereits um den immer noch im Schnee liegenden Verunfallten kümmern.

Donnerstagmorgen- Skigebiet Rendl
Donnerstagmorgen- Skigebiet Rendl

Gegen 13:00 Uhr hat Ursula einen Workshop gebucht und fährt zu ihrer Unterkunft nahe der Kongresshalle, wo auch die anderen Wuppertaler wohnen. Ich schaue kurz an der Kongresshalle vorbei und verabrede mich mit Britta und Mathias an der Nassereinbahn. Mit den Beiden setze ich den stringenten Vormittag nun über die Galzigbahn hinüber ins Skigebiet am Schindlergrat fort. Mehrfach passieren wir die Ulmer Hütte. Das Tempo bleibt konsequent stramm und eine Abfahrt bringt uns noch hinunter an den Ahrlenmähder- Lift, der uns oberhalb der Alpe Rauz wieder an die Ulmer Hütte zurückbringt. Ich habe nur meine leichten Tourenski mitgenommen, mit denen die schnellen Fahrten auf der wechselnd ruppig-eisigen Piste deutlich mehr Krafteisatz einfordern als mit den spurstabileren Abfahrtski. Bei mir ist die Luft auf jeden Fall für heute raus und mit bereits arg brennenden Oberschenkeln fahre ich ins Steissbachtal ab. Von hier geht es über Kapall zu meiner letzen Abfahrt zum Skidepot, wo ich mich aus den Skischuhen quäle und ungläubig auf meine GPS- Uhr schaue. Das waren heute satte 50,4 Kilometer Abfahrten mit 9639 Höhenmetern. Ich esse mein Brötchen und begebe mich in Bergschuhen zum Nachmittagsblock in die Kongresshalle. Um 19:00 Uhr kehren wir mit den Sauerländern zu siebt bei Anthony‘s „Happy Valley“ Steakhaus auf der Dorfmeile ein. Ich habe nach dem Essen nur noch ein Ziel und das erreiche ich nach dem Duschen mit dem Wechsel in die Horizontalen. Krampfgeplagt genehmige ich mir eine dritte Dosis Magnesium, deren Nebenwirkung mich am nächsten Tag noch plagen wird.

Strammer Skitag mit Britta, Mathias und Ursula
Strammer Skitag mit Britta, Mathias und Ursula

Am Freitag geht der Kongress in die letzte Runde und es gibt noch einige Notfallmedizinische Vorträge bis zur Mittagspause. Aus erster Reihe berichtet ein Notfallmediziner der Universität Magdeburg über die Herausforderung des Massenanfalls von Verletzten (MANV) durch den Terroranschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt vom Freitagabend, des 20.12.2024. Mit der Meldung von 230 verletzten Personen standen die Rettungskräfte mit der Versorgung vor einer riesigen logistischen Herausforderung. Innerhalb des Katastrophenplans wurden die Verletzten großräumig auf viele Kliniken in Sachsen-Anhalt verteilt. Die Uniklinik Magdeburg selbst erhielt 72 Patienten, die sich nach Triage in 25-27 schwerverletzt stabile, 12-15 schwerverletzt instabile Patienten und ein bereits unter Reanimation verstorbenes 9- jähriges Kind aufteilten. Die 11 weiter instabilen Patienten wurden noch in der Nacht operiert. Die Gesamtzahl der Verletzten wurde vom Innenministerium zuletzt im Mai 2024 auf 323 erhöht, davon 52 Kinder. 9 Menschen starben, viele werden sich nie von den körperlichen und psychischen Schäden erholen. Der Täter, selbst seit März 2020 als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland tätig, muss sich derzeit dafür gerichtlich verantworten. Das Tatmotiv des islamkritischen Täters: „Unzufriedenheit im Umgang mit saudi-arabischen Flüchtlingen in Deutschland“

Der weiße Rausch- Fertig mit 9639 HM
Der weiße Rausch- Fertig mit 9639 HM

Die Sauerländer und auch meine Wuppertaler Kolleg*innen reisen heute Mittag ab. Ich besuche den Workshop, den ich gestern weise auf heute verschoben habe. Bei regnerischem Wetter verpasse ich draußen nichts und begebe mich von 13:00 bis 16:00 Uhr ins benachbarte Gebäude am Olympiastadium. Es geht um sonografische Strategien, mit denen man in wenigen Schritten lebensbedrohliche Bauch- und Thorax- Verletzungen erkennen kann. Den Kongressabschluss übernehmen Kurt Hüttl und Mathias Putzke in der letzten Sitzung mit dem Spezialthema der Alpinen Notfallmedizin. Mein Bauch hat mir die Magnesium- Kur von gestern etwas krumm genommen. So gehe ich heute besser nicht mehr in die Sauna. Am Nachmittag regnet es weiter und so war die Entscheidung gestern auf die Ski zu gehen goldrichtig. Ich lasse den Abend mit einem Essen bei der „Arlbergerin“, einem Restaurant keine 200 Meter von meiner Unterkunft entfernt ausklingen. Eine Tischreservierung wird mir hier nur nach Übermittlung der Kreditkarten- Daten bestätigt. Die für meinen Tisch zuständige stilecht im Dirndl gekleidete Arlbergerin ist eine nette junge Frau aus Australien. Da ich aber sowohl mit Tirolerisch, als auch mit Englisch klar komme, habe ich keine Probleme mit meiner Bestellung. Das ausgewählte kleine Lachsforellen- Filet aus dem fernen Ötztal an Tomaten- Kapernsauce mit ein paar Kartoffelstückchen geht allein schon mit 35 Euro an den Start, ist aber leider nur preislich nah an der Sterneküche.

Lourdes- Kapelle auf dem Schloßkopf
Lourdes- Kapelle auf dem Schloßkopf

Am Samstag bleibt der Wecker bei 7:00 Uhr, ich lasse alles ganz gemütlich angehen und bereite meine morgige Abreise langsam vor. Das Wetter macht zunehmend auf und ich werde erst um 12:00 Uhr mit einer Halbtageskarte hinauf ins Skigebiet fahren. Beim Frühstück erfahre ich von Frau Hüttl, dass beim Bau ihres Hauses ein Tunnel freigelegt wurde, der möglicherweise in Verbindung mit der ehemaligen Burg Arlen steht. Der Gang wurde aber wohl nicht weiter erforscht und so gibt es nur die Hinweise von Bauern und von Baustellen der Anrainer. Bevor ich mich den Ski widme laufe ich hinauf auf den Schlosskopf oberhalb von Nasserein und besuche die kleine Kapelle, die aus den Steinen der um 1406 im Appenzeller Krieg zerstörten Burg Arlen errichtet wurde. Die Burg wurde 1225 bis 1250 erbaut und der erste 1279 urkundlich erfasste Burgherr war Otto de Arlberch. 1312 bis 1315 verwüstete eine verheerende Fehde das damals noch als Stanzertal bezeichnete Tal. 1385 tritt auf dieser Burg das Findelkind Heinrich aus Kempten, der spätere Gründer des Hospizes in Erscheinung. Wenn auch von der Burg nichts mehr zu sehen ist, es ist ein schöner, friedlicher Ort oberhalb des Talgrundes. Eine Weile sitze ich auf der Holzbank vor der Kapelle und genieße den Moment.

Am Schindlergrat
Am Schindlergrat

Kurz vor 12 Uhr kaufe ich mir einen Halbtages- Skipass, der bei 86,50 € für den ganzen Tag mit 67,50 € kein „Schnapper“ ist. Das Wetter hat sich vollständig geöffnet und mein Plan für heute ist Genussfahren, also Nassereinbahn rauf und wie vorgestern rüber zum Schindlerkar. Nach zwei Abfahrten nehme ich auch einmal die Variante über die Skiroute 86. Skirouten sind lawinengesicherte, aber nicht präparierte Abfahrten. Die Bergketten Richtung Schweiz, Allgäu und auch Richtung Stubai beginnen sich langsam in Wolken zu hüllen. Ich sitze lange an dem fotogenen Holzkreuz, wo die Einstiege in die Skirouten beginnen. Hier esse ich mein Brot mit Blick auf den Patteriol und das Verwall. Auf der Rückseite des Kreuzes befindet sich eine Bronzeplatte der Bruderschaft des heiligen Christophorus von 1966 zu Ehren und in Erinnerung an Heinrich Findelkind 1386. Für Christophorus, den Schutzheiligen der Reisenden ist eine historische Figur nicht greifbar, Darstellungen findet man in vielen Kirchen und seinen Namen tragen heute noch unsere Rettungshubschrauber.

Eindrücke am Berg
Eindrücke am Berg

Ich genieße noch einmal den sonnigen Nachmittag und kehre bis 15:30 Uhr zurück zum Sportgeschäft mit dem Skidepot. Am Haus stelle ich Ski und Schuhe zum Trocknen ein und bereite schon mal das Gepäck für morgen vor. Der Skibus fährt nur noch stündlich und so laufe ich ein letztes Mal zur Arlberg Well.Come- Halle und genehmige mir noch ein paar Aufgüsse in der finnischen und der Kelo- Sauna. Zum Essen suche ich noch einmal den „Skiing Buddha“ auf, denn hier haben wir zuletzt gut und preiswert gegessen. Mit dem Bus fahre ich zurück zum Haltepunkt Seiche in Nasserein.

Sankt Anton- Letzte Abfahrt 2026
Sankt Anton- Letzte Abfahrt 2026

Am Sonntag sind meine Sachen früh im Auto verstaut und ich genieße ein letztes Mal das gute Frühstück. Ich verabschiede mich von Ilona Hüttl, der guten Küchenfee und den anderen Gästen vom anderen Ende der Welt mit dem Versprechen auch Neuseeland auf meine Reise- Agenda aufzunehmen. Auch bei Tochter Maria bedanke ich mich für die angenehme Woche im „AFOCH-FEI“ und befinde mich um 9:00 Uhr auf dem Weg durch den fast 14 Kilometer langen Arlbergtunnel. Mit einer Tankpause und ohne LKW- Verkehr läuft es mit etwas Stau im Baustellenbereich bei Ulm gut, bei meiner Fahrt quer durch Deutschland, so dass ich mich bereits um 15:00 Uhr im Landeanflug auf Wuppertal befinde.

Vielleicht bis nächstes Jahr?
Vielleicht bis nächstes Jahr?

A. Korbmacher

©Copyright 2026

Berg- und andere Touren