Gleitschirm-Kombikurs Wasserkuppe 2023

Wasserkuppe Gleitschirm- Kombikurs 2023

Anfang Juni erwartet mich ein neues Kapitel zum Thema Gleitschirmfliegen. Im letzten Jahr habe ich über meinen ersten Kontakt zu diesem Sport ein paar Zeilen geschrieben. Der Untertitel „4 Tage Blut, Schweiß und (Freuden-) Tränen“ fasst den von mir so erlebten Wechsel aus Erfolg und Misserfolg ganz gut zusammen. Geplant hatte ich in diesem Jahr die Anfahrt in die Rhön mit dem Motorrad, was ich durch die Tatsache, dass ich meine alte Transalp verkauft habe verwerfen musste. Andererseits bin ich auch froh, da der Nachtdienst auf Freitag keine Erholungspausen zuließ.

Fachwerk-Ensemble am Marktplatz in Schlitz
Fachwerk-Ensemble am Marktplatz in Schlitz

Dorothee und Stefanie wollen an dem anstehenden Wochenende dem Patensohn ihres Vaters mit seiner Familie bei Darmstadt einen Besuch abstatten und so planen die Beiden die Anfahrt so, dass sie mich am Samstag pünktlich zu meinem Kombi- Wochenkurs auf der Wasserkuppe absetzen. Kombi-Kurs bedeutet, dass ich den 4-tägigen Grundkurs einfach noch einmal durchlaufe um dann mit meiner Höhenflugausbildung voran zu kommen. Am Freitag haben wir uns in dem Hotel in Schlitz einquartiert, in dem wir auch im letzten Jahr zusammen eine Zwischenübernachtung eingebaut hatten. Da das Hotel über kein Restaurant verfügt essen wir am Abend im Braustübchen unterhalb des Marktplatzes der hübschen Burgen- und Fachwerkstadt Schlitz.

Markt-Brunnen Schlitz
Markt-Brunnen Schlitz

Am Samstagmorgen frühstücken wir noch in aller Ruhe zusammen. Die Fahrt zur Wasserkuppe ist nicht sehr weit und mit gutem Zeitpolster sitze ich noch vor Kursbeginn um 10 Uhr im Schulungsraum der Flugschule. Dorothee und Stefanie fahren weiter über Aschaffenburg nach Reinheim bei Darmstadt. Da die Zimmer im Hotel der Flugschule mit dem schönen Namen „Peterchens Mondfahrt“ noch nicht bezugsfertig sind stelle ich meine Taschen an der Rezeption ab.

Gerätekunde in der Werkstatt
Gerätekunde in der Werkstatt

Nach und nach füllt sich der Raum mit meinen Mitstreitern dieser Woche. Da wären die Brüder Steffen und Lars („Lala“) aus Würzburg, Ansgar aus Warendorf, Eric und Florian („Flauschi“) aus Hamburg, Malte und Thomas aus Bad Homburg, Marco aus Berlin, Jürgen aus Bielefeld, Thilo aus Oberhof, Silvio und Lars Peter. Mit mir sind wir also 13 Schüler mit einem Altersspektrum, bei dem ich mich zusammen mit Silvio und Lars Peter am oberen Rand eingruppieren darf.

Auf Tuchfühlung
Auf Tuchfühlung

Wir erhalten vom Chef der Flugschule Andreas Schubert ein paar einleitende Worte und erfahren bei einer Vorstellungsrunde einiges über die Vorkenntnisse und Beweggründe der Teilnehmer zum Besuch dieses Kurses. Bereits absolvierte Tandemflüge haben bei einigen Teilnehmern das Interesse geweckt, ein Teilnehmer verfügt bereits über eine Fluglizenz für ein Ultraleichtflugzeug, ein Teilnehmer absolviert den Kurs als Bildungsurlaub. Was auch immer dahinter steckt- bei allen ist es der Wunsch das mit dem Fliegen auszuprobieren, zu erlernen oder weiter auszubauen.

Unsere Fluglehrer- Kai und Joel
Unsere Fluglehrer- Kai und Joel

Am Mittag lernen wir unsere Fluglehrer Kai Kressler (Papa Schlumpf) und Joel Felder kennen. Joel war auch bei meinen ersten Versuchen im letzten Jahr mit dabei. Er hat mittlerweile die Ausbildung zum Fluglehrer abgeschlossen und schult in diesem Jahr bereits in der 2. Saison. Der gelernte Ingenieur hat seine zweite Heimat in Argentinien gefunden, wo er gerne seine Winter verbringt. Kai war in seinem früheren Leben Polizist und lebt heute mit seiner Familie auf Lanzarote. Mit seinem Spitznamen „Papa Schlumpf“ vergibt er auch gern Ersatznamen an seine Kursteilnehmer, z.B. wenn in einer Gruppe zwei gleiche Vornamen auftauchen. So wird aus dem jungen Lars in unserer Gruppe kurzerhand „Lala“, durch einen weiteren Florian in seiner Gruppe kam „Flauschi“ zu seinem neuen Namen- beide haben kein Problem damit.

Heubach- Samstagabend
Heubach- Samstagabend

Nach der Mittagspause geht es dann auch sofort los mit der Theorie und der Vorstellung unseres Sportgeräts, was ich nach einem Jahr als willkommene Wiederholung sehe. Wir werden nach Größe und Gewicht in 2-er Teams eingeteilt und zusammen mit Malte erhalte ich eine Ausrüstung mit einem L-Schirm und einem XL-Gurtzeug. Kai gibt um 18:00h grünes Licht zum Ausrücken nach Heubach, dem Hang der uns als Übungshang bei N/NO-Wind für die ersten Gleitflüge zur Verfügung steht. Bei der Ankunft gegen 19:00h frischt der Wind mit Böen deutlich über 20km/h auf und lässt Flüge für uns leider nicht mehr zu. Wir nutzen die Verhältnisse für Groundhandling und werden dabei vom Partner gesichert. Der Umgang mit dem Schirm vom Boden aus bringt eine Menge Verständnis für das Verhalten der Schirmkappe in der Luft, kann den Anfänger aber auch bei einer Böe leicht ins Gelände schicken. Nach der Rückfahrt essen wir zusammen im Peterchens Mondfahrt. Zwischenzeitlich habe ich mein „Fliegerzimmer“ bezogen. Der wohl berühmteste Pilot, der am 9.8.1970 in diesem Hotel übernachtet hat war der erste Mann auf dem Mond- Neil Armstrong. Den Wecker stelle ich auf 05:45h.

Berühmter Gast- Neil Armstrong
Berühmter Gast- Neil Armstrong

Am Sonntag heißt es nach dem Frühstück um 6:30h bei Nordwind wieder auf nach Heubach. Es steht uns nur ein Bus mit 7 Sitzen zur Verfügung, so dass ein PKW zusätzlich benötigt wird. Gestern hatte Malte das netterweise übernommen, heute Eric. Drei Grundflüge gelingen mir, davon einer mit idealer Landung in Laufbereitschaft auf den Beinen. Bei auffrischendem Wind und Böen widme ich mich mit Malte wieder dem Groundhandling, dem Spiel mit dem Wind. Mit geschickt eingesetzten Steuerimpulsen den Schirm stabil in den Wind zu stellen generiert mehr Verständnis über das Verhalten der Schirmkappe als alle Theorie.

Groundhandling- Das Spiel mit dem Wind
Groundhandling- Das Spiel mit dem Wind

Um 11:30h sind wir zurück an der Flugschule. Kai hat seine ganz eigene Art uns Zusammenhänge zu erklären und gibt uns gute Tipps ein häufiges Problem beim Start abzustellen. Es geht um das Phänomen des Pendelns, das viel Unruhe in die Startphase bringen kann und eine regelrechte Delphinbewegung anstoßen kann – „also zieh nie irgendwo dran, wenn Du nicht genau weißt was dann passiert!“ – Seine 6 Grundregeln lauten:

1. Ruhig Brauner
2. Cool bleiben
3. Zwei-Sekunden Regel
4. Du bist das Pendel !!!
5. Viel Impuls- Wenig (Brems-) Weg
6. Dynamik-Dynamik

Grundflüge in Heubach
Grundflüge in Heubach

Ich werde bei meinen nächsten Flügen verstehen, was es mit diesen Regeln auf sich hat. Am Nachmittag strukturiert Joel mit uns die Abläufe bei Start und Landung. Nach dem 5-Punkte-Check und der Startfreigabe erfolgt der Start in 5 Phasen. In der Aufstellphase wird die Schirmkappe über dem Piloten aufgestellt. Bei viel Wind ist der Anlauf-Impuls dafür klein, bei wenig Wind groß- es folgt die Stabilisierungsphase mit einer nachgeschalteten Kontrollphase (Entscheidung Abbruch/Start), Beschleunigungs- und Abhebephase.

Beschleunigungsphase
Beschleunigungsphase

Bei der Landung sind es 2- Phasen- Erst 1 Meter über Grund gibt der Pilot laufbereit einen raschen Impuls zum Anbremsen durch Ziehen der Bremsleine von etwa 20 cm bis zur Oberkante der Karabiner- dies löst eine Pendelbewegung nach vorn aus, vornehmlich gegen den Wind wird dann durch gebremst wenn die Pendelbewegung wieder nach unten kommt. Der Strömungsabriss beim Durch bremsen lässt den Schirm dann zu Boden fallen. Das Führen der Steuerleine mit 2 Fingern bringt mehr Feingefühl beim Ausführen der Flugmanöver, dabei muss der Daumen aber immer frei sein um ein rasches Herausziehen der Hand aus der Steuerschlaufe zu ermöglichen.

Die Sache mit dem Nord-Wind...
Die Sache mit dem Nord-Wind…

Wir haben die ganze Woche Hochdruckeinfluss mit hohen Temperaturen. Das generiert gegen Mittag viel Dynamik in Form von Thermik und Wolkenbildung am Nachmittag. Zur Wochenmitte hin entwickeln sich zunehmend hochaufragende Wolkentürme mit Gewitterpotential und entsprechend ungünstige Bedingungen zum Fliegen. Auch heute finden keine Flüge mehr statt und wir treffen uns im Restaurant im Peterchens Mondfahrt zum Abendessen. Ich suche früh mein Zimmer auf und versuche bald in den Schlaf zu kommen, denn der Wecker ist auf 05:30h scharfgeschaltet. Ich schlafe allerdings recht unruhig und habe am Morgen Halsschmerzen.

Gefüllte Hose aus Nord in Heubach
Gefüllte Hose aus Nord in Heubach

Montag um 6:30h ist das Material verstaut und bei anhaltendem Wind aus Nord ist der Hang in Heubach die gebuchte Adresse für unsere weiteren Grundflüge. Mir gelingen 6 Starts mit an- und durch gebremsten Landungen. Bei einem der kurzen Hangflüge setze ich mich in das Gurtzeug, was mir im letzten Jahr wegen des rutschhemmenden Materials meines Hosenbodens nicht gelingen wollte. Bei Flug 6 drückt mich auffrischender Wind nach links, was ich nicht ausreichend korrigiert bekomme und hebt mich deutlich über den Skilift. Da mir die Höhe über dem Lift „safe“ erscheint versuche ich nicht die Richtung zu ändern, da sich auf der anderen Seite eine weitere Wiese zur Landung befindet.

Startplatz Heubach- Skilift links voraus
Startplatz Heubach- Skilift links voraus

Die Manöverkritik im Anschluss belehrt mich darüber Anweisungen nicht früh genug umgesetzt zu haben- meine Korrekturversuche waren kontraproduktiv. Mit ausreichender Höhe überquere ich das Hindernis des Skilifts und fliege nun über die benachbarte Wiese auf den Waldrand zu. Die Landekurve mit gestandener Landung gelingt mir dann aber gut. Es war der längste Flug bisher und ich bin schwer beeindruckt von dem, was da gerade passiert ist. An der Flugschule esse ich etwas im Zimmer und nutze die Gelegenheit zum Ausruhen.

Der Hang in Heubach- in der Mitte der Skilift
Der Hang in Heubach- in der Mitte der Skilift

Nach der Mittagspause bis 14:30 geht es am Nachmittag mit Theorie weiter. Kai berichtet Interessantes zum Thema Aerodynamik. Dynamisches Mitführen der Steuerleinen „am Knötchen“ im besten Gleiten und leichtes Anbremsen im geringsten Sinken mit entsprechender Auswirkung auf die Reichweite und die Geschwindigkeitspolare werden besprochen. Kai weist uns noch einmal auf die Pendelbewegung beim Anbremsen zur Landung hin. Diese Pendelbewegung kann den Piloten deutlich in die Höhe befördern, so dass der Strömungsabriss beim zu frühen Durchbremsen gefährlich sein kann. Manni, ein weiterer Mitstreiter hat sich für die anstehenden Höhenflüge zu uns gesellt. Auch heute rücken wir am Abend nicht mehr zum Fliegen aus und treffen uns zum Essen im Peterchens Mondfahrt.

Aerodynamik mit Kai
Aerodynamik mit Kai

Dienstag- >Same Procedure as every Day< Abfahrt nach Heubach um 06:30h. Ich absolviere 4 Grundflüge. Kai bemängelt bei meinen ersten Flügen an diesem Morgen die Unruhe, die ich nach dem Start in meinen Schirm bringe. Ich bemühe mich den theoretischen Input der letzten Tage nach dem Start mit vielen Steuerimpulsen an den Schirm umzusetzen und gerate dadurch jedes Mal in Pendelbewegungen unter dem Schirm. „Du bist der absolute Pendelkönig!“- gibt mir Kai in seiner unkonventionellen Art unmissverständlich zu verstehen – „und das müssen wir nun raus bekommen!“

Ruhig Brauner- Cool bleiben!
Ruhig Brauner- Cool bleiben!

Ich erhalte von ihm förmlich die Anweisung einfach mal den Kopf frei zu machen. Ich erinnere mich an Kai‘s 6 Grundregeln zum Gleitschirmfliegen, wobei Regel 1 „Ruhig Brauner!“ und Regel 2 „Cool Bleiben“ schon beim nächsten Flug meinen Kopf- Knoten lösen. Ich besinne mich auf Regel 4 „Du bist das Pendel“ und darauf nicht zu viele nervöse Steuerimpulse zu setzen. Es folgt ein schöner Start im geringsten Sinken mit an den Gurt angelegten Armen der sich im besten Gleiten ohne störende Steuerimpulse fortsetzt. Aus lauter Freude an diesem gelungenen Flug verkacke ich dann auch gleich die Landung.

Nach dem Fliegen- Manöverkritik
Nach dem Fliegen- Manöverkritik

Ich bereite einen 5. Start vor, den ich nicht mehr ausführe, da der Wind teilweise von hinten oder von der Seite kommt. Bei Rückenwind ist ein Gleitschirm-Start nicht mehr möglich. Ich nehme den Schirm zur Blume zusammen und trage ihn zur Abwechslung mal hinunter zur Landewiese, wo ich im wechselnden Wind noch ein paar frustrierende Groundhandling- Versuche unternehme. Manni, ein älterer Fliegerkollege mit Vorkenntnissen wie ich kommt aber heute gar nicht gut zurecht und bricht im Weiteren ab.

Flieger-Shuttle
Flieger-Shuttle

Nach einer langen Mittagspause geht es mit Theorie von Kai im Schulungsraum weiter. Ein für die Fliegerei wichtiger Themenblock rund um Meteorologie und Wetter steht auf der Agenda. Wichtig für unsere anstehenden Höhenflüge sind die Regeln für den Landeanflug. Je nach Windrichtung gibt es für jeden Landeplatz Anflugsregeln, an die sich jeder Pilot halten muss. Der Anflug entgegen der endgültigen Landerichtung (Gegenanflug) wird dabei über einen Queranflug zum endgültigen Landeanflug geleitet. Wir besuchen am Nachmittag die möglichen Landeplätze für den Westhang der Wasserkuppe, den Pferdskopf und die Absroder Kuppe. Zu unserer Gruppe hat sich nun noch Hamdi und mit Laurin eine junge Frau für die anstehenden Höhenflüge gesellt.

Eric bei der K-Probe
Eric bei der K-Probe

Vor dem ersten Höhenflug steht nun noch die K-Prüfung an. Darunter versteht man die Prüfung der Kompatibilität zwischen Gurtzeug und Rettungsgerät. Der Pilot hat für den „Worst Case“ die Möglichkeit die Rettung zu werfen. Es ist ein Fallschirm der in den freien Luftraum geworfen wird, wenn eine entsprechend Situation das erfordert. Der Griff befindet sich seitlich am Gurtzeug in Höhe des Protektors und muss vom Piloten gut erreichbar sein. Das probatorische Herausziehen der Rettung an einem neuen Gurtzeug ist vorgeschrieben. Joel justiert unsere Gurtzeuge noch einmal am Simulator in der Garage. Alle testen das Herausziehen der Rettung. Kai stellt mit Sachverstand den Ausgangszustand des Rettungsgerätes an allen Gurtzeugen wieder her.

Meine Fliegerunterkunft mit dem hübschen Namen
Meine Fliegerunterkunft mit dem hübschen Namen

Wir haben unsere Vorbereitungen für die anstehenden Höhenflüge abgeschlossen. Bei starken Böen am Abend ist Fliegen nicht mehr möglich. Das Restaurant Peterchens Mondfahrt hat Dienstags und Mittwochs Ruhetag. Per WhatsApp wird zu einer Kiste Bier auf der Terrasse vor dem „Deutscher Flieger“, einer weiteren Unterkunft auf der Wasserkuppe eingeladen. Ich komme der Einladung nicht mehr nach, esse etwas von meinen mitgebrachten Sachen im Zimmer und gehe früh schlafen. Neben meinen Halsschmerzen fühle ich mich ein wenig infektig, zu allem Überfluss bricht mir die Innenwand eines Backenzahns beim Kauen des mitgebrachten kernigen Schwarzbrotes weg- hey es reicht jetzt…!

Das Radom auf der Wasserkuppe
Das Radom auf der Wasserkuppe

Am Mittwoch kommt die für 7:00h besprochene Nachricht per WhatsApp erst um 07:25h und bläst zum Aufbruch nach Heubach gegen 08:00h mit einem kurzen Zeitfenster fürs Frühstück. Etwas bedecktes Wetter mit einem frischen Wind aus Nord bringt uns an unserem Hang ideale Verhältnisse das bisher Erlernte noch einmal umzusetzen- nur ein paar Tröpfchen sprenkeln auf uns herab, was den Flugbetrieb für ein paar Minuten unterbricht- so sind es bei mir weitere 4 Grundflüge, die mich auf insgesamt 17 solcher Flüge bringen- unsere Fluglehrer sind mit uns zufrieden und um 12:00h sind wir zurück auf der Wasserkuppe.

Das Fliegerdenkmal von 1923 auf der Wasserkuppe
Das Fliegerdenkmal von 1923 auf der Wasserkuppe

Das Fliegen ist bei lebhaften Windverhältnissen am Abend nicht mehr möglich. Joel und Kai haben ein Grillevent vorgeschlagen- Eine Delegation hat dafür eingekauft. Es wird ein relaxter Abend am Vereinsheim am Radom auf der Wasserkuppe. Es ist ein toller Ort auf dem Berg der Flieger, an dem sich die Sonne am Horizont langsam von uns verabschiedet.

Grillparty auf der Wasserkuppe
Grillparty auf der Wasserkuppe

Am Donnerstag wird es dann ernst, denn wir fahren bei weiter anhaltendem N/NO-Wind gegen 6:30h zu unseren ersten Höhenflügen zum Spielberg nach Thüringen oberhalb von Hümpfershausen. Die lange Anfahrt dorthin resultiert aus der Tatsache, dass die Hänge an der Wasserkuppe zum Start S/SW- Wind erfordern. Ich habe mich sehr darauf gefreut endlich mit den Höhenflügen zu beginnen, unter anderem weil dafür ein Shuttle vom Lande- zum Startplatz in Aussicht gestellt wurde. Diese Wohlfühl-Option platzt aber mit der Wahl des Fluggebiets, an dem der 100 Meter höher gelegene Startplatz nur über einen Wanderweg von der Landewiese zu Fuß zu erreichen ist. Neben Laurin sind heute noch 2 weitere Ladys als Höhenflug- Nachholerinnen mit am Start.

Aufstieg zum Spielberg
Aufstieg zum Spielberg

Wir erhalten eine Unterweisung zu den möglichen Landeoptionen je nachdem wie der Wind gerade steht. Vom Startplatz fliege ich die Landevolte einmal links und einmal rechts auf die Landewiese, da der Wind beim zweiten Mal nach Ost gedreht hat. Dabei ist auch noch zu berücksichtigen, dass wir die Schafe im ersten Teil der Landewiese nicht unnötig verängstigen sollen. Abgesehen davon, dass mein Reinsetzen immer noch nicht klappt ist es ein tolles Erlebnis und ein erster Höhenflugerfolg. Der Wind frischt ordentlich auf und ich erhalte Anweisung, dass ich mich nicht mehr an den Aufstieg machen muss. Beim Zusammenpacken sehen wir Joel noch bei seinem gekonnten Spiel mit Wind und Thermik zu.

Spielberg- Startplatz
Spielberg- Startplatz

Vor der Mittagspause gibt es in der Flugschule noch Theorie zu besonderen Flugbedingungen mit Joel. Ich habe Mittagspause im Zimmer bis 15:00h und nutze die Zeit gerne als Erholungszeit bis zur weiteren Lerneinheit zum Thema Wetter mit Kai. Am Abend haben wir ein gemeinsames Abendessen im Peterchens Mondfahrt.

Gewitter über der Wasserkuppe am Donnerstagabend
Gewitter über der Wasserkuppe am Donnerstagabend

Am Freitag geht es um 6:30h auch wieder zum Spielberg in Hümpfershausen. Der Wind bläst einfach die ganze Woche lang aus Richtung N/NO. Auch heute sind wieder Nachholer dabei. Ich fliege den Landeplatz einmalmal mit Linksvolte und zweimal mit Rechtsvolte mit einer engen 180 Grad-Kurve bei auf Ost drehendem Wind im Queranflug zwischen den flankierenden Bäumen an. Kai hat sich noch einmal der Justierung meines Gurtzeugs angenommen, endlich rutscht der Hintern rein und ich kann meine Aussicht in entspannter Position genießen. Diese Position verstärkt auch den Effekt der Schirmsteuerung durch Körperverlagerung zur Blickrichtung. Im 4. Aufstieg zum Startplatz wird bekanntgegeben, dass sich bereits erste Hinweise für turbulentere Verhältnisse abzeichnen. Mir reichen die heute gesammelten Erfahrungen, ich begebe mich zum Landeplatz, geselle mich zu Flauschi für ein paar entspannte Minuten in der Wiese und beobachte den Rotmilan, der mit der aufkommenden Thermik am Spielberg mit ausgebreiteten Flügeln seine Kreise zieht.

Spezialist in Sachen Thermik
Spezialist in Sachen Thermik

Ich liege dort nicht lange, denn bei einem der Nachholer scheint es nach einer unsanften Landung auf der Nebenwiese ein Problem zu geben. Kai ist sofort vor Ort und bittet mich mit dazu. Stefan liegt mit bereits auf seinem Gurtzeug hochgelagertem Bein in der Wiese. Im etwas geöffneten Schuh sieht das obere linke Sprunggelenk luxiert aus. Ich unternehme einen frustranen Versuch das Gelenk unter Zug an der Ferse zu reponieren- mehr möchte ich dem armen Kerl aber nicht zumuten, denn der Notruf ist bereits getätigt. Ein RTW nähert sich dann auch nach einer moderaten Wartezeit. 2 Notfallsanitäter bereiten Stefan für die weiteren Erstmaßnahmen durch den danach eintreffenden Notarzt vor, der das Gelenk nach Anlage eines Venenzugangs unter potenten Schmerzmedikamenten einrenken kann. Das Röntgenbild in der Klinik dokumentiert später eine Luxationsfraktur seines Sprunggelenks.

Shit happens!
Shit happens!

Heute steht der Theorie- Test an, in der unser erlangtes Wissen aus den 4 Themenblöcken Gerätekunde, Flugpraxis, Luftrecht und Meteorologie abgefragt wird. 14:00h ist der Startschuss für die 120 Fragen aus den 4 Themenblöcken zur Erlangung des A-Scheins. Moderierender Prüfer ist Remy Ochmann, der morgen bei unseren letzten Flügen Kai ersetzen wird. Ich habe es nicht geschafft mich gründlich für die Prüfung vorzubereiten und gehe nur mit den gehörten Vorträgen der letzten Tage an den Start. Mit der Hoffnung, dass das reicht habe ich in 3 Themenblöcken bestanden, leider fehlt mir im Themengebiet Flugpraxis eine richtige Antwort zum Erfolg. Zum einen ärgert mich das natürlich, zum anderen läuft mir nichts davon. Ich werde diesen Themenblock noch einmal wiederholen müssen- so what. Ich werde eh zu weiteren Höhenflügen an die Wasserkuppe zurückkehren müssen. Das ist ein Jahr lang im Rahmen der Wettergarantie möglich.

Joel- Cooler Typ mit kalten Getränken
Joel- Cooler Typ mit kalten Getränken

Am Nachmittag sitzen wir zusammen auf der Terrasse am Peterchens Mondfahrt und verabschieden uns von Kai, der morgen andere Verpflichtungen hat. Dorothee ist am Nachmittag dazu gekommen und reiht sich in die fröhliche Runde der Flieger ein. Am Abend bläst es wieder ganz ordentlich auf der Wasserkuppe und es wird noch mal ein geselliger Abend mit der ganzen Truppe.

Abendessen im Peterchens Mondfahrt
Abendessen im Peterchens Mondfahrt

Offiziell endet die Woche unseres Kombikurses am Samstagvormittag nach 2 weiteren Flügen am Thüringer Spielberg- mit dem Reinsetzen ins Gurtzeug klappt es jetzt prima- meine Landungen sind heute eher nicht befriedigend. An der Flugschule geben wir unser Leih-Material in der Garage ab. Wir verabschieden uns von allen Mitstreitern und wünschen vor allem Marco und Silvio eine tolle Woche in Südtirol. Die Beiden haben sich kurzfristig für die alpinen Höhenflüge in Lüsen entschieden. Zu Hause erhalten wir später Bilder und Videos aus Lüsen, die mich zum Weitermachen motivieren.

Höhenflüge am Spielberg
Höhenflüge am Spielberg

Ich werde jetzt noch das restliche Wochenende mit Dorothee in der Rhön verbringen. Bevor wir die Wasserkuppe verlassen schauen wir uns noch das Segelflieger Museum an. Auf 4000 Quadratmetern ist die Geschichte des Segelfluges vom ersten Lilienthal-Gleiter bis hin zu modernen Hochleistungs- Seglern anhand unzähliger Originalexponate erfasst. Nach einem Zwischenstopp an der Fuldaquelle fahren wir durch die wunderschöne Landschaft der hessischen Rhön zu unserem vorgebuchten Quartier in Petersberg am Rand von Fulda, wo wir einen entspannten Abend verbringen.

Deutsches Segelflug-Museum auf der Wasserkuppe
Deutsches Segelflug-Museum auf der Wasserkuppe

Am Sonntag steht der Besuch der Gedenkstätte „Checkpoint Alpha“ an. Hier wo der eiserne Vorhang am weitesten nach Westen verlief standen sich Warschauer Pakt und NATO Nase an Nase gegenüber. Zwischen Rasdorf im Westen und Geisa im Osten am sogenannten „Fulda Gap“ hätte es jederzeit zur Eskalation der höchst angespannten Lage während des kalten Krieges kommen können. Entsprechende Szenarien wurden von beiden Seiten simuliert.

Der ehemalige Todesstreifen am Checkpoint Alpha
Der ehemalige Todesstreifen am Checkpoint Alpha

Es ist eine einzigartige Möglichkeit sich noch 34 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands ein Bild über die damaligen Grenzanlagen zu machen. Der Museumsbereich umfasst neben einer hervorragend abgebildeten Zeitgeschichte Teile des ehemaligen Todesstreifens und die amerikanischen Baracken der hier stationierten Truppen. 1989 fiel die Mauer und beendete zumindest die Teilung Deutschlands, wenngleich die Teilung der Welt und der Systeme mit dem Ukraine- Konflikt seit Anfang 2022 wieder einen traurigen und gefährlichen Verlauf nimmt.

Ein Ort Deutscher Geschichte- Das Museum Checkpoint Alpha
Ein Ort Deutscher Geschichte- Das Museum Checkpoint Alpha

Auf dem Sportplatz hinter dem „Black Horse Inn“ nehmen wir noch einen Fast-Food- Meal ein, bevor wir uns auf den Heimweg machen. Einen letzten Zwischenhalt machen wir noch an der Stiftskirche in Rasdorf, die 1274 unter Erhaltung ursprünglicher romanischer Anteile aus dem Jahr 831 erbaut wurde. Besonders sehenswert sind die fast 1200 Jahre alten Säulen mit rätselhaften Tierkapitellen.

Romanik in der Stiftskirche von Rasdorf
Romanik in der Stiftskirche von Rasdorf

Ich hatte eine tolle, wenn auch anstrengende und fordernde Woche in der Rhön. Ich freue mich auf die nächsten Aktionen am Gleitschirm an der Wasserkuppe und auf die wunderschöne Gegend, in der wir sicher noch einiges unternehmen werden. Vielen Dank noch einmal an all die Mitstreiter dieser Woche an der Wasserkuppe, unsere einzigartigen Fluglehrer und an das tolle Team vom Peterchens Mondfahrt. Man sieht sich!- Möglicherweise schon bald „Up in the Sky“ 🙂

Es hat Spass gemacht!
Es hat Spass gemacht!

A. Korbmacher

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