2021 Hermannsweg-Teutoburgerwald

Hermannsweg-Teutoburgerwald

Am letzten Mai- Wochenende fange ich mit Dorothee ein neues Wanderprojekt an. Es soll der Hermannsweg im Teutoburger Wald sein, der mit 167 Kilometern in 8 großzügig bemessenen Etappen zwischen Rheine im Nordwesten bis zum preußischen Velmerstot 468m als höchster Erhebung des Teutoburger Walds oberhalb von Leopoldstal verläuft. Der Teutoburger Wald begrenzt zusammen mit dem Eggegebirge das niedersächsische Bergland nach Südwesten und die westfälische Bucht mit dem Münsterland nach Norden.

Arminius vom Eggeturm (Preußischer Velmerstot 468m)
Arminius vom Eggeturm (Preußischer Velmerstot 468m)

Der Teutoburger Wald galt lange als Austragungsort der berühmten Varusschlacht, in der germanische Stämme dem römischen Heer eine vernichtende Niederlage eingebracht haben. Der Anführer der Germanen war der Cherusker- Fürst Arminius, der vorab gezwungen wurde in der römischen Legion zu dienen. Mit diesen erlangten Kenntnissen konnte er die Schwächen seines Gegners bestens ausnutzen. Die wendigen germanischen Krieger waren in den undurchdringlichen Wäldern gegen die schwer gerüsteten Römer strategisch überlegen. Es war ein bedeutender Sieg gegen das römische Imperium, denn es war der Verlust eines Achtels der gesamten Streitmacht des Römischen Reichs. Aus Arminius hat sich später Hermann abgeleitet und seit 1875 steht bei Detmold eine monumentale Statue Hermann des Cheruskers auf einer Höhe im Teutoburgerwald. Varus verlor dafür seinen Kopf auf Erlass von Kaiser Augustus, der sein Entsetzen mit den folgenden Worten kund getan haben soll:

„Quinctilius Varus, gib mir meine Legionen zurück!“

Gedenkplatte Schlachtfeld Kalkriese (Bild von 2002)
Gedenkplatte Schlachtfeld Kalkriese (Bild von 2002)

Ende der 1980er Jahre war es dann eine Sensation, als archäologische Funde den Austragungsort der Schlacht in der Kalkrieser Niewedder-Senke in Bramsche im Osnabrücker Land lokalisiert haben, also deutlich weiter nordwestlich der ursprünglich angenommenen Region.

Hermannsweg
Hermannsweg

Es ist das erste Wochenende das am Ende der vor einigen Wochen festgelegten Corona-Notbremse viele Freiheiten einräumt. Die Fallzahlen sind stark rückläufig und erlauben bereits wieder Hotelübernachtungen. Die Außengastronomie ist geöffnet und wir werden bei dem vorhergesagten guten Ausflugswetter nicht allein sein auf den Wegen. Der Weg in die Normalität soll nun wieder begehbar sein, aber was ist schon normal?- war die Menschheit vor Corona denn normal? – Lassen wir das 😉

Wegenetz im Teutoburger Wald
Wegenetz im Teutoburger Wald

Wir fahren am Samstag früh los und können bereits gegen 10 Uhr von einem Wanderparkplatz in Leopoldstal mit unserer Wanderung beginnen. Wir werden uns in 2 Tagen mit 2 Rundwegen einen Teil der 8. und letzten Etappe von Stemberg bis Leopoldstal rund um das Gebiet der Externsteine erwandern. 32 Kilometer summieren sich dabei an diesem Wochenende auf. In Wuppertal scheint am Morgen die Sonne und leider fahren wir nach Norden in zunehmend dichtere Bewölkung.

Doro am Eggeturm auf dem preußischen Velmerstot 468m
Doro am Eggeturm auf dem preußischen Velmerstot 468m

Bei noch recht frischen Temperaturen machen wir uns auf den Weg in nördlicher Richtung, entlang des Silbergrunds. In den Silbergrund entleeren sich die Bäche aus dem Osthang des lippischen Velmerstot, neben dem preußischen Velmerstot mit dem Eggeturm die höchste Erhebung des Teutoburger Waldes. An Horn vorbei erreichen wir die Externsteine, ein natürliches Felsmonument aus einer Gruppe von Sandsteintürmen. Vor 70 Mio. Jahren in der Unterkreidezeit hob sich an dieser Stelle der Meeresboden und presste die horizontale Sandsteinschicht senkrecht zu diesem imposanten Naturdenkmal nach oben.

Die Externsteine mit dem oberen Teich
Die Externsteine mit dem oberen Teich

Anhand archäologischer Funde geht man davon aus, dass bereits vor 10000 Jahren Menschen hier gelebt haben. Deutungsversuche der Externsteine als Kultstätte der alten Germanen verfolgen unterschiedliche Theorien, der Nationalsozialismus entdeckte hier sogar eine prähistorische germanische Hochkultur, Esoteriker können hier magische Energie spüren. Reliefs, die in den Fels gehauen wurden stammen zum Teil aus dem 12. Jahrhundert. Mit dem monumentalen Kreuzabnahmerelief wurden die Externsteine zur mittelalterlichen Pilgerstätte an der alten Reichsstraße.

Externsteine Kreuzabnahme-Relief 12.Jh.
Externsteine Kreuzabnahme-Relief 12.Jh.

Es ist auf jeden Fall ein besonderer Ort, aber auch ein touristischer Hotspot. Bettler im Schamanen- Outfit beginnen seltsame Rhythmen mit der Trommel oder Töne auf der Blockflöte zu erzeugen, während eine nicht mehr abreißende Karawane von Tagesausflüglern vom nahen Großparkplatz die Wege und Plätze an den Steinen füllen. Der Zutritt, bzw. die Besteigung des Monuments über einen Treppenweg ist an diesem Wochenende Corona-bedingt mit bereits ausgebuchten Voranmeldungen reglementiert. Ich habe nur noch dunkle Erinnerungen an einen Schulausflug hierhin.

On the Rocks
On the Rocks

Wir verlassen die Externsteine und steigen nun über den Hermannsweg in die Bergheide am Knickenhagen (315m) mit einem dichten Teppich aus Blaubeer-Sträuchern auf. Wir erleben aber auch im weiteren Wegverlauf weite Rodungs-Bereiche mit vollständiger Verwüstung der Waldlandschaft. Meterhoch stapeln sich die dem Borkenkäfer zum Opfer gefallenen Fichtenstämme am Wegesrand. Am Südhang des Kniebergs steigen wir ab zur Silbermühle, einem Ausflugslokal an einem Fischweiher. Die Wegmarkierung des Hermannswegs besteht aus einem schmucklosen weißen „H“ auf schwarzem Grund.

Wegsperrung ohne Umleitung
Wegsperrung ohne Umleitung

Hier erleben wir eine Überraschung, denn der Weg ist gesperrt ohne Angabe einer möglichen Umleitung. Auch hier haben Maschinen bei entsprechenden Forstarbeiten den matschigen Boden in einen fast unbegehbaren Morast verwandelt. Und der lange Aufstieg durch das Silberbachtal soll eine der schönsten Passagen auf dem Hermannsweg sein. Wir ignorieren das Betretungs- Verbot und kämpfen uns durch die Schlammlöcher immer entlang des hübschen Silberbachs in südlicher Richtung an den Rand der Ortschaft Bickelberg.

Querung des Silberbachs
Querung des Silberbachs

Am Nachmittag lässt sich dann auch die Sonne immer mal wieder hinter den auflockernden Wolken blicken. Der Weg wendet sich nun in einer ausladenden Schleife hinauf auf den Nord-Grat des lippischen Velmerstot auf 441 Meter. Der höchste Punkt ist jedoch der preußische Velmerstot auf 468 Meter, auf dem sich ein Aussichtsturm befindet. Es ist der Eggeturm von dem sich ein 360 Grad-Panorama über das Land bietet. Richtung Nordwesten erhebt Arminius sein Schwert aus den Höhen des Teutoburger Waldes.

Panorama vom Eggeturm auf dem preußischen Velmerstot 468m
Panorama vom Eggeturm auf dem preußischen Velmerstot 468m

Beim Abstieg habe ich Glück und kann noch ein paar schöne Bilder von einem Buntspecht einfangen, auf den wir durch das typische Piepen der hungrigen Jungvögel in ihrer Nesthöhle in einem toten Baum aufmerksam geworden sind.

Buntspecht bei der Fütterung
Buntspecht bei der Fütterung

Wir haben am eigentlichen Ende des Hermannswegs begonnen, da ich in Unkenntnis des Startorts der 1. Etappe eben ganz in der Nähe der 8.Etappe ein Hotel in Lage vorgebucht habe. Wir erreichen das wunderschöne Gelände des alten Gutshofs, auf dem seit Generationen die Familie Berkenkamp einen Hotelbetrieb im Landhausstil führt. Wiesen mit alten Baumbeständen, Felder und ein Wildgehege umgeben die Gebäude, von denen der Eingang mit seiner Fachwerkfassade besonders einladend ist.

Haus Berkenkamp
Haus Berkenkamp

Wir werden freundlich empfangen und auf der Terrasse mit allem was nach einem Wandertag Freude bringt versorgt. Felix Berkenkamp, der Junior-Chef schwingt das Zepter in der Küche und bringt das Menü rund um Schnitzel und Spargel schmackhaft auf den Teller. Der Riesling kommt aus der Pfalz und rundet die ganze Sache wunderbar ab. Es gibt ein reichhaltiges Frühstück, der Honig stammt aus eigener Imkerei. Wir werden uns diese Adresse auch für zukünftige Wanderungen auf dem Hermannsweg vormerken.

Rotbuche mit Hängematte
Rotbuche mit Hängematte

Der Sonntag bringt dann auch tatsächlich das für das gesamte Wochenende angekündigte Wetter mit. Es ist wolkenlos und die heutige Runde schließt sich nordwestlich an die gestrige an. Wir nutzen den Großparkplatz an den Externsteinen und genießen die Ruhe am Morgen, denn es sind erst wenige Leute auf den Beinen. Auch der Trommler und der Flötenmann, die augenscheinlich hier campieren bereiten sich langsam auf ihr Tagewerk vor.

Externsteine Luft-Panorama
Externsteine Luft-Panorama

Ich lasse am Rande der großen Wiese meine Drohne für ein schönes Panorama der Externsteine aufsteigen und habe schnell alles wieder zusammengepackt, während der Besucherstrom langsam Fahrt aufnimmt. Wir verlassen die Externsteine ein Stück in südöstlicher Richtung entlang des oberen Teichs, in dem sich die Sandsteinfelsen herrlich spiegeln. Es folgt ein Platz mit einem Wegweiser, der auf die Kreuzung des Europäischen Fernwanderwegs E1 und des Europäischen Randwanderwegs R1 hinweist. Auf dem E1 befinden wir uns 4520 Kilometer südlich vom Nordkap und 2230 Kilometer nördlich von Salerno. Der Radweg R1 gibt eine Entfernung von 2930 Kilometer nach Sankt Petersburg an und führt von hier in 920 Kilometern bis in die Bretagne nach Boulogne-sur-mer. Der E1 verläuft im Teutoburger Wald teilweise parallel zum Hermannsweg.

A nice place to be
A nice place to be

Nun gehen wir in nordwestlicher Richtung in das Tal der Wiembecke, dem Bach der die Teiche an den Externsteinen speist. Wir streifen die Ortschaft Holzhausen an den Externsteinen mit einem nachfolgenden Aufstieg auf den Falkenberg auf 346m und halten die Höhe bis zu einem weiteren Kulturdenkmal, der Burgruine der Falkenburg. Zwischen 1190 und 1194 wurde die hochmittelalterliche Höhenburg durch Bernhard II. und seinen Sohn Herrmann II., Edelherren zur Lippe erbaut. Die Anlage wurde nicht durch einen Krieg zerstört, sondern wurde das Opfer eines Feuers in der Burgküche Mitte des 15.Jahrhunderts. Es ist ein fantastischer Ort an einem solchen Tag wie heute.

Falkenburg Panorama aus 100m Höhe
Falkenburg Panorama aus 100m Höhe

Nach Norden blicken wir über Berlebeck hinweg auf Detmold, aus Nordwesten grüßt Hermann von seinem angestammten Platz auf den Höhen des Teutoburger Waldes. Wir sind auch hier nicht die einzigen Besucher. Das Ergebnis einer Drohnen- Umrundung des Burgbergs gibt mir einen tollen Überblick über die große Anlage, die einst mit Vorburg, Zwinger, Hauptburg mit Bergfried und Ringmauern allen Angriffen widerstanden hat. Bis 2018 wurde der Bergkegel in mehr als 10 Jahren zweieinhalb Meter tief archäologisch abgetragen und untersucht.

Rekonstruktion Falkenburg Auarell 1903 (Quelle und Rechte Lippisches Landesmuseum Detmold)
Rekonstruktion Falkenburg Auarell 1903 (Quelle und Rechte Lippisches Landesmuseum Detmold)

Von der Falkenburg gehen wir noch ein Stück Richtung Nordwesten und stoßen oberhalb von Berlebeck wieder auf den Hermannsweg, dem wir nun in Nord-Süd-Richtung folgen. Der Weg durch weitere Fichten-Katastrophengebiete ist stellenweise schauderhaft. Vor dem Abstieg nach Holzhausen gelangen wir an die sogenannte „Vogeltaufe“.

Katastrophengebiete in deutschen Wäldern
Katastrophengebiete in deutschen Wäldern

Zur Zeit der Christianisierung sollte sich einer Sage nach Abbio von Thiotmalli, ein Freund und Waffengefährte Widukinds mit weiteren Heiden des Lipperlands hier taufen lassen. Die Taufe vollzog Abt Anastasius und Paderborner Mönche sollten mit ihrem Gesang die Zeremonie verschönern. Diese wurden in Kohlstätt überfallen und auseinandergejagt. Gerade in dem Moment als Abbio von Thiotmalli den heidnischen Göttern Donar, Saxnot und Wotan abschwören wollte rauschte es in der Luft und hunderte braune Vögel ließen sich hernieder und sangen so schön, wie es nie zuvor jemand gehört hatte.

In den Bäumen an der Vogeltaufe
In den Bäumen an der Vogeltaufe

In einer wunderschönen Waldbeer- Heidelandschaft stehen gesunde alte Laubbäume und machen Hoffnung, dass es nicht allen Bäumen schlecht geht. Der Untergang der Fichtenbestände ist sicher auch dem Klimawandel geschuldet, aber auch der rein Profit-orientierten Monokultur- Aufforstung der Waldbesitzer. Wer in der Schule aufgepasst hat weiß, dass Monokulturen immer problematisch sind.

Heidelbeer- Heide
Heidelbeer- Heide

Über den Bärenberg hinweg erreichen wir wieder das Areal der Externsteine. Wir durchlaufen zum Parkplatz das bunte Treiben der Ausflugshorden, als hätte es Corona nie gegeben. Die Wiese vor den Steinen ist belegt mit Picknickdecken und immer noch strömt uns eine nicht abreißende Menschenkette auf unserem Weg zum Auto entgegen. Trommler und Flötenmann geben nun alles um etwas Kleingeld in die aufgestellten Hüte zu erhalten.

Alte Laubbäume bei Holzhausen
Alte Laubbäume bei Holzhausen

Es war für uns ein erfülltes Wochenende und vor dem zu erwartenden Gipfel des Rückreiseverkehrs rollen wir ohne Stau nach Hause.

Arnd Korbmacher

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