Ausflug in die Aachener Region, Jülich und Dormagen

Ausflug in die Aachener Region, Jülich und Dormagen

Es ist das Wochenende vor Weihnachten, am Samstag vor dem 4.Advent an dem ich mit Doro einen ungeplanten Ausflug mache. Die grobe Vorstellung ist dabei, uns entlang des gegangenen Eifelsteigs die eine oder andere Location anzuschauen und auch ein paar Kilometer zu laufen. Wir verwerfen allerdings unser Vorhaben weiter südlich den Hürtgenwald bei Roetgen zu besuchen. Das Museum zu einer der furchtbarsten und verlustreichsten Schlachten zum Ende des 2.Weltkriegs in den dortigen Eifelwäldern ist derzeit geschlossen. Bei der Recherche ist uns eine Rundwanderung auf dem Truppenübungsplatz Aachen Brand/Münsterbusch aufgefallen, wo wir uns heute die Beine vertreten wollen.

Sehr nah am Wasser- Die Vicht in Stolberg
Sehr nah am Wasser- Die Vicht in Stolberg

Auf dem Weg dorthin kommen wir über Stolberg, einer der vielen Orte die bei dem Extremhochwasser des letzten Sommers in den Schlagzeilen waren. Ich habe noch die Worte eines Feuerwehrmannes aus den Medien in den Ohren: „Der historische Ortskern wie wir ihn kannten existiert nicht mehr“. Wir parken in Stolberg an der Altstadt und wollen uns nun selbst ein Bild einholen. Aus Respekt haben wir die Überschwemmungsgebiete bisher gemieden, da die betroffenen Menschen in einer solchen Situation alles gebrauchen können, aber keinen Katastrophentourismus.

Burgstraße Stolberg
Burgstraße Stolberg

Unmittelbar beim Betreten der Altstadt fallen die vielen notdürftig mit Brettern verschlossenen Fenster auf, die das Hochwasser zerstört hat. Hier in der unteren Altstadt ist es die Vicht, die nach Norden in die Inde mündet. Die gewaltigen gebündelten Wassermassen haben von hier aus auch Eschweiler und das dortige Krankenhaus direkt an der Inde hart getroffen. Viele historische Häuser in Stolberg liegen am Burgberg mit der Burg, deren Gründung auf den Beginn des 12. Jahrhunderts zurückgeht.

Burg Stolberg und kath. Korche St.Lucia
Burg Stolberg und kath. Korche St.Lucia

Viele Kupfermühlen in und um Stolberg brachten der Stadt auch den Beinamen Kupferstadt. Auf einem Schild erfahren wir, das in Stolberg Mitte des 19.Jahrhunderts der Stiefsohn eines Bäckers namens Andreas August Wirtz mit der Produktion von Seifen und Duftstoffen den Grundstein für das Erfolgsunternehmen „Mäurer&Wirtz“ legte. Das Unternehmen landete später u.a. mit dem Parfüm „4711-Eau de Cologne“ einen Welthit.

Burg Stolberg
Burg Stolberg

Alles wirkt wie ausgestorben, die Weihnachtsmärkte sind am Vormittag noch geschlossen und wir sehen überall Schilder mit dem Hinweis auf die 2G-Regel. Die grassierende 4.Welle der Corona- Pandemie und die extrem virulente Omikron-Variante macht den Experten große Sorgen und führt in den ersten Ländern Europas wieder zu harten Einschnitten. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kaufen wir noch etwas Gebäck und einen Christstollen. Auch die Bäckerei stand vor einem halben Jahr unter Wasser, aber viel möchte man darüber nicht mehr reden- das Leben geht halt weiter. Über die stark beschädigte Brücke überqueren wir die Vicht, die wie viele andere Wasserläufe den Menschen in der Region viel Leid gebracht hat.

Auf dem Truppenübungsplatz Aachen Brand/Münsterbusch
Auf dem Truppenübungsplatz Aachen Brand/Münsterbusch

Westlich von Stolberg liegt ein Gebiet, auf dem sich direkt am ehemaligen Westwall ein Truppenübungsplatz befindet. Seit der Jahrtausendwende ist das Gebiet als Naturschutzgebiet ausgeschrieben. Sofern keine Manöver ausgetragen werden kann der Wanderer das Gebiet als Naherholungsgebiet nutzen. Interessanterweise hat die militärische Nutzung des Geländes einen für die Gelbbauchunke idealen Lebensraum hervorgebracht. Durch die Zerfurchung des Bodens durch die schweren Militärfahrzeuge bilden sich viele kleine Wasserlöcher als ideale Brutplätze für diese Amphibie- es besteht also eine Symbiose zwischen Bundeswehr und Gelbbauchunke 🙂

Panzerwracks im Gelände
Panzerwracks im Gelände

Das Wetter ist recht trübe und so sind nicht viele Wanderer unterwegs. Wir parken an der Haumühle und gehen die 5,6 Kilometer entgegen dem Uhrzeigersinn. Inmitten einer Mischung aus Wald und Heide stehen Panzerwracks in der Landschaft. Wir erreichen die ersten 3 Panzer, allesamt aber keine Zeugnisse der alliierten Befreiungsoffensive Deutschlands vor 1945. Die Produktion der Panzer amerikanischer Bauart wie der M41 Bulldog und der M47 Patton lief erst nach dem 2.Weltkrieg an. Diese Stahlkolosse haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Truppenübungsplatz also erst später gefunden.

Lost Place
Lost Place

Die todbringenden Maschinen sind „Lost Places“, die etwas Magisches aber auch Bedrohliches ausstrahlen. Das Schlafen dieser Monster könnte trügerisch sein, denn nach 76 Jahren Frieden in Europa beschert aufflammender Nationalismus der europäischen Allianz Risse.

Brutgebiet der Gelbbauchunke
Brutgebiet der Gelbbauchunke

Bei dem nasskalten Novemberwetter sehen wir leider nicht viel von den Anrainern des hiesigen Biotops. Am nördlichsten Punkt der Runde erreichen wir die Buschmühle an der Inde. Das Wasser der Inde mäandert in ihrem Bett durch die Auen. Sehr gut kann man am Prallhang eines jeden Mäanders erkennen, wie der Bach am Ufer genagt hat. Wir befinden uns nun am ehemaligen Westwall, der abgesicherten Westgrenze des deutschen Reichs. Die Betonhöcker entlang dieser auch als Siegfriedslinie bekannten Befestigung sollten als Panzersperren den Einfall gegnerischer Panzerverbände verhindern.

Panzersperren am ehemaligen Westwall
Panzersperren am ehemaligen Westwall

Die nächste Station unseres Ausflugs ist am Nachmittag die Zitadelle von Jülich. Hier besichtigen wir den Schlosskeller als Teil des Museums der Zitadelle. Erster Bauherr war Mitte des 16. Jahrhunderts der Herzog Wilhelm der V. von Jülich-Kleve-Berg, der sein Schloss nach dem Prinzip des „Palazzo in Fortezza“ in Auftrag gab. Mit der Heirat der Habsburgerin Maria von Österreich stieg der jülisch-klevische Hof ab 1546 zu einem der bedeutendsten kulturellen Zentren im Nordwesten des Reiches auf. Die Zitadelle wurde als Bestandteil einer Idealstadt der Renaissance erbaut und ist die älteste nördlich der Alpen.

In der Schlosskapelle- Zitadelle Jülich
In der Schlosskapelle- Zitadelle Jülich

Nach dem Besuch der Schlosskapelle, die Teil des hiesigen Gymnasiums ist wenden wir uns dem Museum im Kellergewölbe des Schlosses zu. Hier ist ein Raum dem Jülicher Landschaftsmaler Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863) gewidmet, der 1825 sein Studium an der Düsseldorfer Akademie mit den Worten “ Denn Maler muss ich nun einmal werden“ aufnahm. Später wurde er Lehrer der Düsseldorfer Akademie und spannte einen Bogen von der Romantik bis zum Naturalismus des 19.Jahrhunderts.

Schloßkeller- Die Preussische Epoche
Schloßkeller- Die Preussische Epoche

Die Stadt- und Schlossgeschichte findet einen gelungenen Abriss von der Gründungszeit durch Wilhelm V. über die preußische Epoche bis zum 2. Weltkrieg, der sowohl Schloss als auch Zitadelle und Stadt verheerende Schäden einbrachte. Heute sind es Bergbauschäden die den Gebäuden der Zitadelle zu schaffen machen. Der nahe Braunkohletagebau und die Absenkung des Grundwassers sind die Hauptursachen für die Absenkungen im sandigen Boden. Die Neubauten des Gymnasiums im Südflügel wurden auf den alten Fundamenten mit ausgleichenden Federelementen unterlegt. Bis heute beträgt der Niveauunterschied zwischen dem westlichen und östlichen Teil an einer eingebrachten Dehnungsfuge bereits etwa 50 Zentimeter.

Technik gegen Bergbauschäden
Technik gegen Bergbauschäden

Auf der Rückfahrt besuchen wir noch einen besonderen Ort. Es ist die Klosterkirche Knechtsteden westlich von Dormagen, eingebettet in eine ehemalige Prämonstratenserabtei aus dem frühen 12. Jahrhundert. Die romanische Basilika beherbergt einen Kunstschatz, der erst 1869 freigelegt wurde. Es sind Malereien aus der Mitte des 12. Jahrhunderts mit Jesus als Pantokrator in der Apsis.

Klosterkirche Knechtsteden
Klosterkirche Knechtsteden

Wir sind heute Abend nicht allein in der Kirche und erfahren beim Eintreten, dass wir gerade rechtzeitig Platz nehmen können um einem Weihnachtskonzert beizuwohnen. „Weihnachten in aller Welt“ ist der Titel und wir hören Weihnachtslieder aus verschiedenen Epochen und Ländern vorgetragen vom Kammerchor an der Basilika Knechtsteden. Der unerwartete Konzertgenuss stimmt uns stilvoll auf den 4. Advent ein.

Klosterkirche Knechtsteden
Klosterkirche Knechtsteden

Ein feines Abendessen in einem Wuppertaler Restaurant mit Weihnachtsgans, Rotkohl und Marzipanapfel macht den gelungenen Tag perfekt.

Weihnachten in aller Welt
Weihnachten in aller Welt

 

Arnd Korbmacher

©Copyright 2021

Berg- und andere Touren